Hinter der Fassade

OK, reden wir mal über Façade. Was ist Façade? Laut den Entwicklern ist es ein “Interaktives Drama”, ein “neues Genre der interaktiven Unterhaltung, dass von Charakteren und Geschichte angetrieben wird”.

Whoa. Da nimmt aber jemand den Mund ordentlich voll. Aber hey, die beiden Jungs haben immerhin über fünf Jahre dran gearbeitet, die New York Times hat es “die Zukunft der Videospiele” genannt und Chris Crawford behauptet es sie “ohne Zweifel” die “beste bisher geschaffene interaktive Geschichtenwelt”. (Nein, ich weiß auch nicht was eine “Geschichtenwelt” ist, aber klingt doch cool, oder?)

Okay, wie funktioniert Façade denn jetzt? Einem Gamestar Leser könnte man es vielleicht mit dem Stichwort “Ego-Talker” erklären. Zwei Freunde namens Grace und Trip laden den Spieler zu einem netten Abend in ihrem Apartment ein. Schnell stellt sich aber heraus, dass ihre Beziehung gewaltig bröckelt und der Abend wird alles andere als nett. Man kann sich frei in der Wohnung bewegen und durch Eintippen von Text mit den beiden unterhalten. Je nachdem was man sagt, versöhnen sich die beiden, oder eben auch nicht.

Klingt spannend? Dachte ich auch. Ist es aber nicht. Ich werde mich hier nicht auf die technischen Aspekte stürzen. Ja, es ist schon komisch dass ein zehn Minuten langes Videospiel mit Scheißgrafik einen 800MB Download verlangt, aber gut. Ist halt ein Prototyp. Es geht um was anderes.

Nur ist das andere leider noch schlechter als die Grafik. Betrachten wird erstmal den “Geschichte und Charaktere”-Teil der Beschreibung des Spiels. Kurz gesagt: Das flache und weinerliche Gelabere von Grace und Trip ist schon nach 30 Sekunden eigentlich nicht mehr zu ertragen und wirkt auch wenig glaubwürdig. Mehr braucht man dazu nicht sagen. Auch wenn man es könnte. Stundenlang.

Kommen wir zum spannenden Teil der Beschreibung. Dem Teil der das magische Wörtchen “interaktiv” enthält. Nun steht und fällt Façade offensichtlich mit seinem Textparser. Und der kann echt gar nichts. Jeder Versuch in menschlicher Sprache zu reden, scheitert völlig. Das einzige was wirklich was erreicht, ist die Eingabe von Stichworten, vorzugsweise von solchen die in den Dialogen bisher aufgetaucht sind. Vielleicht hätte man anstatt fünf Jahre Forschung zu betreiben einfach mal einen der Jungs anrufen sollen die damals bei Infocom gearbeitet haben. Ist ja nicht so, als hätte es noch nie einen halbwegs brauchbaren Textparser gegeben.

Kurzfassung: Façade ist Eliza für Arme. Und mit schlechterer Grafik.

Damit wäre ich ja eigentlich fertig. Aber da ich immer noch voller selbstgerechtem Zorn bin, zitiere ich einfach noch mal ein paar Sachen aus den vollmundigen Versprechungen von der Webseite. Zum Beispiel wird da behauptet Facade sei “ein Versuch sich jenseits der traditionellen Verzeigungen und Hyperlink-Dialoge zu bewegen und ein vollständig realisiertes interaktives Drama zu schaffen.” Dummerweise scheint das Spiel aber genauso zu funktionieren. Es gibt ein paar fertig geskriptete Dialoge, die abgespielt werden, je nachdem welche Stichworte ich eingetippt habe. Tatsächlich kann ein System das auf vorher geschriebenen und eingesprochenen Dialogen basiert eigentlich gar nicht anders funktionieren. Woher kommt also die Illusion man hätte da was brandneues geschaffen?

Noch ein Zitat gefällig? “Ein innovativer Textparser erlaubt dem System das in Textadventures so übliche ‘Das verstehe ich nicht’ zu vermeiden.” Das ist ihnen sicherlich gelungen. Wenn man etwas eintippt, dann sagen Grace und Trip nämlich nicht “I don’t understand.” sondern “What?”. Das ist besser, denn es ist kürzer. Da hat sich die ganze Forschungsarbeit echt gelohnt!

Was lernen wir also daraus? Erstens, die New York Times hat keine Ahnung wovon sie redet, und zweitens, sollte man einen Mann der einem seitenlang erklärt, dass ein Bildschirm dazu dient Bilder anzuzeigen (echt?!?) vielleicht nicht so ernst nehmen.

3 Kommentare Autor: Richard
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3 Kommentare

  1. Mir ist auch schleierhaft warum dieses Ding so gehypt wird. Die Grafik ist gelinde gesagt hässlich – ich präzisiere besser ausgesprochen hässlich und strotzt nur von Grafikfehlern. Objekte sehen aus wie schlecht ausgeschnittene Bilder aus Versandhaus-Katalogen.

    Den Start hat mir das Programm anfangs ganz verwehrt, weil meine Maschine dieser fantastischen Grafik wohl nicht gewachsen sein soll. Unter 1600 Mhz gibts nämlich Spielverbot. Interessant, dabei habe ich doch einen AMD XP1700+. Erst durch Tricks, die ich mühsam aufstöbern musste, konnte sich mir das Programm erst weiter schliessen. Nur um es sich nochmal vor Augen zu führen: Mein Computer hat locker Half-Life2 und Far Cry gerockt, aber für diese unterirdisch schlechte “Grafik” auf dem Stand von Anno 1990 solls nicht reichen.

    Das Spielszenario ist mal was anderes, aber nachdem ich mich schon auf die so irre schlaue KI gefreut hatte, musste ich feststellen, dass ich mein Einfluss auf das Spiel zwischen Null und Stichwortgeber liegt. Auf smarte und garnicht abwegige Fragen, reagiert das Spiel garnicht. Erst wenn – teilweise rein zufällig und einem ganz anderen Zusammenhang – bestimmte Worte fallen, geht die Handlung weiter.. die hat mich dann aber nach 5 weinerlichen Minuten auch nicht mehr interessiert.

    Diesen Mist kann man niemand andrehen – auch nicht unter dem Ettiket “Kunst”. Da beschäftige ich mich lieber weiter mit echter Kunst: zB. Half-Life2.

  2. Nun, die erste Zeile mit dem “interaktiven Drama” zeigte ja schon, was das Ziel der Entwickler ist – genau das, was sie auch erreicht haben – maximales Medieninteresse – sei es der fröhliche Hype des Mainstream und das abgebrühte und wohl absolut berechtigte verbale Niederknüppeln der Internetgemeinde allgemeinen Gamertums.

    Ob das listig “Fassade” titulierte Ding nun das bringt, was es verspricht – nämlich ein ‘little computer people’ im Duett, nur mit schlechtem Parser – ich werde sicher nicht dieses … Ding installieren. Das ist ja auch gar nicht notwendig. Was das Teil nun macht oder nicht, ist genau ein MacGuffin wie der Koffer in ‘Pulp Fiction’: was drin ist? – Total unwichtig – es geht darum, die Handlung voranzutreiben. Beziehungsweise, die eigenen Namen in die Presse zu katapultieren.

    Merke: Wenn es interaktiv ist und in der Presse auftaucht, aber vorsichtshalber schon mal die Formulierung “Game” vermieden wird, ist es ziemlich sicher auch ausgesprochen langweilig und uninteressant.

    P.S.: Was ist eigentlich aus dem Segway Roller geworden?