
Da stehe ich also vor der Sekretärin. Aber sie beachtet mich nicht. Sie hat wichtigeres zu tun. Zum Beispiel am Telefon zu hängen und mit ihrer Kollegin über das Wetter zu tratschen. Mein Formular? Liegt halb abgearbeitet und ganz vergessen auf ihrem Schreibtisch. Und ich? Ich stehe da rum wie bestellt und nicht abgeholt. Falsch. Ich stehe nicht rum wie bestellt und nicht abgeholt, ich bin bestellt und nicht abgeholt. Der Selbstzweifel macht sich an die Arbeit. Er listet alles auf was ich nicht weiß. In alphabetischer Reihenfolge. Erstaunlich wie er das schafft. Es ist schließlich eine verdammt lange Liste.
Vielleicht hätte ich doch mehr Zeit mit Kapitel 5 verbringen sollen? Ach, das hat er doch noch nie gefragt.
Aber was wenn er jetzt anfängt?
Wenn ich wenigstens auf den Flur rausgehen könnte. Aber bis die Sekretärin das Formular nicht abgestempelt hat, traue ich mich nicht.
Eben habe ich auf der Treppe im Flur jemanden angeknurrt. Was, wenn das der Beisitzer ist? Ach Quatsch, denke ich. Den hast du nie zuvor gesehen.
Ich schaue meinen Kollegen an. Das hilft nicht. Die Angst ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er weiß genau: Ich kann nichts, und er ist noch schlechter. Wir beide wollen als erster dran kommen. Bloß nicht noch länger warten. Hauptsache vorbei. Egal wie es ausgeht.
Das Telefonat dreht sich inzwischen darum, welche Rohling angeschafft werden sollen. Ich will sie anschreien. “Das interessiert doch kein Schwein, unterschreiben sie endlich das Formular!”
Aber ich mache es nicht. Das wäre nicht gerade konstruktiv. Schließlich ist die Tür zum Büro des Professors offen. Und eigentlich ist sie ja immer ganz nett gewesen.
Ruhig bleiben. Alles wird gut.
Der Selbstzweifel grinst mich hämisch an. Er fragt: Kennst du noch die allgemeine Strahlungsgleichung von Kajiya? Natürlich kenne ich die nicht mehr. Die hat er noch nie gefragt! Der Selbstzweifel lächelt süffisant. Er fängt bestimmt heute damit an.
Die Sekretärin lästert gerade über Microsoft. Mein Kollege rollt mit den Augen. Er arbeitet für Microsoft. Herr Kajiya übrigens auch. Das weiß ich natürlich noch. Keine Sorge, sagt der Selbstzweifel. Das wird er sicher nicht wissen wollen.
Ich habe die Schnauze voll. Gehe raus auf den Flur. Soll sie sich das Formular doch hinstrecken wo der Pfeffer wächst. Wo wächst eigentlich der Pfeffer, frage ich mich? Hauptsächlich in Asien, sagt mein Gehirn. Wird aber auch in Brasilien und Westafrika angebaut. Vielen Dank, sage ich. Das ist bestimmt total prüfungsrelevant. Warum kann ich mir nur Dinge merken, die ich mir gar nicht merken will?!?
Ich oute mich vor allen als Prüfungskandidat und fange an im Kreis zu laufen. Wie schon hundert mal zuvor. Na ja, vielleicht waren es eher ein dutzend mal. Aber es fühlt sich an wie hundert. Die Prüfung ist nicht schwer, rede ich mir ein. Bist du sicher, fragt der Selbstzweifel. Du kannst das alles, sage ich mir. Und was ist mit Kajiya, sagt der Selbstzweifel. Bestehen tue ich auf jeden Fall, behaupte ich. Vielleicht, sagt der Selbstzeifel. Aber du brauchst eine gute Note.
Die Tür geht auf. Bin ich dran?
Nein. Die Sekretärin geht nur Kaffee holen. Das Formular interessiert mich inzwischen nicht mehr.
Ich setze meinen Runden fort. Acht, neun, zehn…
…Stopp!
Jetzt reicht es. Ich zücke meine Geheimwaffe.
Ein brandneues Nintendo DS. Touchscreen. GBA-kompatibel. Ein Bildschirm zu viel. 3D-Grafik von 1996.
Und zehn Sekunden später habe ich vergessen, warum ich hier bin.
Als ich schließlich dran komme, bin ich entspannt. Locker. Lässig. Klar, der Typ den ich vorhin angeknurrt habe, ist der Beisitzer. Und der Prof. fragt lauter Dinge, die er nie zuvor gefragt hat. Aber das lässt mich alles kalt. Eben noch habe ich mit einem gewagten Flankenangriff eine überlegene Streitmacht von Black Hole vernichtet. Alles mit einem Federstrich meines Stylus.
Was ist dagegen eine Diplomprüfung?
Note: 1,3
Ist das deine Hand? Und ist das da Blut unter den Fingernägeln? Und wie lautet denn nun die allgemeine Strahlungsgleichung von Kajiya?
Fragen über Fragen…
Hör auf Antigames zu refreshen und geh’ wieder an die Arbeit!
Das ist ein grossartiger Beitrag – vor allem, weil man erst nach zirka (oh ja, das schreibe ich so gern aus … zwar deutsch) zwei Stunden merkt, dass es doch irgendwie um Spiele geht.
Glückwunsch zur Note.
Ich sollte wohl nun weiter meine Diplomarbeit durchsehen…
Danke für die Blumen. Und ich sollte eigentlich das Proposal für meine Diplomarbeit fertig machen, aber für Antigames schreibt es sich eben wesentlich leichter.
Respekt. Bürger, spielt mehr Videospiele vor Prüfungen!
Ich dachte es wird mal Zeit den ganzen “Ich habe Prüfung X wegen Spiel Y nicht bestanden”-Geschichten etwas entgegen zu setzen. Obwohl ich von den Geschichten auch welche auf Lager habe. Aber das ist jetzt egal. Nie wieder Prüfungen!
Und welchen ehrwürdigen Titel darfst Du jetzt tragen?
Keinen. Da ist noch die Kleinigkeit einer Diplomarbeit zu erledigen. Und bei dem Beitrag geht es auch nicht um OMGRICHARDHATEINEGUTENOTEUNDMUSSESALLENERZÄHLEN. Das ist ja auch schon zwei Wochen her, oder so. Das hier ist quasi mein Nintendo DS Review. Kurz gesagt: Ich mag es.
Glückwunsch.