
Spaß. Was ist das eigentlich?
Nun, hier meine Definition: Spaß ist, wenn ich lerne. Wenn ich merke, dass auf einmal mehr in meinem kleinen Hirn ist als kurz zuvor. Das finde ich toll. Und dann habe ich Spaß. Dabei ist es ganz egal, wie, wo und was ich gelernt habe. Sowas passiert im Kleinen; wenn meine Bürokollegen und ich uns zum Beispiel mittags die Frage des Tages aus dem Duden-Kalender vornehmen, um an unserem kränkelnden Allgemeinwissen zu arbeiten. Aber auch im Großen; wenn ich mir zum Beispiel eine neue Programmiersprache vornehme. Erst stolpere ich ein wenig, dann macht es aber irgendwann “klick”. Oder mich mit meiner neuen Ukulele auseinandersetze. Die habe ich erst seit gestern. Ich kann gerade mal drei Akkorde greifen, und das auch nur mit Mühe. Ich weiß, dass mir das Spielen der Ukulele eines Tages leichter fallen wird, aber im Moment fühle ich mich ziemlich hilflos.
Ähnlich wie damals bei Amplitude. Als ich nach dem Tutorial den ersten richtigen Song ausprobierte, dachte ich nur: “Das schaffe ich nie!” Und so, wie ich Amplitude anfangs spielte — nämlich mit dem Daumen auf den Haupt-Buttons und nicht den Zeige- und Mittelfingern auf den Shoulder-Buttons — hätte ich es auch nie geschafft. Ich musste das erst erlernen, genau wie die einzelnen Songs selbst. Und mit der Zeit wurde ich immer besser. Bis ich irgendwann so sehr “drin” war, dass mich das Spiel quasi fernsteuern konnte — so stelle ich mir das auch beim Spielen nach Musiknoten vor, das auf mich im Moment unschaffbar wirkt, aber bestimmt nicht ist.
Spielen ist Lernen
Klar, manche Spiele erzählen auch eine tolle Story. Oder sehen einfach nur geil aus. Aber was mich bei Spielen hält, ist das Gefühl, beim Spielen meine Fähigkeiten zu verbessern. Auch, wenn es sich dabei um Banalitäten wie “mit der Maus auf Gegner zielen” oder “Kisten stapeln” handelt. Dass ich dabei auf Gegner ziele und Kisten stapel, ist mir eigentlich egal. Mein Hirn interessiert sich nicht dafür. Sondern für die diese Aktionen zugrundeliegenden Muster. Siehe Tetris, ein, verzeiht, echtes Muster-Muster-Beispiel. Man stapelt Blöcke. Möglichst geschickt. Aber was ist “geschickt”? Wenn man erstmal mit den verschiedenen Tetris-Blöcken vertraut ist, merkt sich das Hirn bestimmte Muster. Wenn es ein solches erkennt, weiß es, was es als nächstes zu tun hat. Aha! Wenn man eine Spalte komplett leer lässt, kann man sie mit dem langen Block füllen und bekommt besonders viele Punkte. Und so weiter. Okay, aber wie ist das bei einem Spiel wie zum Beispiel Quake 3 Arena? Da gibt es natürlich erstmal die offensichtlichen Muster “wenn ich meinen Gegner abschieße, gibt’s einen Punkt” und “wenn ich da vorne einen Gegner sehe, die Maus so und so bewege und dann klicke, schieße ich ihn ab”. Gefolgt von den verschiedenen Mustern zur situationsbedingten Auswahl der Waffe. Bis hin zum Erlernen der Muster in den einzelnen Levels. Nehme ich das Jumppad da vorne, kann ich oben den Rocketlauncher greifen. Wieder was gelernt.
Fragt man andere nach ihren Lieblings-Spiele-Klassikern, hört man oft Elite, Pirates, Populous und Civilization. Das sind alles Spiele, die sich extrem auf das Erkennen, Erlernen und Anwenden von Mustern verlassen. Keines von ihnen erzählt irgendeine spannende Geschichte. Niemand hat Populous gespielt, weil er Massenschlachten geil findet und gerne mal ein Gott wäre. Populous hat Spaß gemacht, weil man irgendwann herausfand, dass man durch das Erhöhen eines Land-Teilchens ein nahes Gebäude verkleinern und dadurch einen der Bewohner heraus zwingen konnte, der dann fröhlich davonlief und an der nächsten freien Stelle ein neues Haus baute. So entwickelte man optimale Siedlungs-Layouts. Schön mit Mustern. Nicht mit Chaos.
Ein chaotisches Populous — ohne diese Muster — hätte keinen großen Spaß gemacht. Das Hirn mag Chaos nicht. Ein Spiel, das nicht vorhersehbar reagiert, ist ähnlich frustrierend wie eine Ukulele, deren Saiten jedes Mal einen anderen, zufälligen Ton erzeugen.
Das Hirn möchte unterhalten werden
Das Doofe an der ganzen Geschichte: hat man erstmal alle Muster gelernt und sieht keinen Raum für weitere Verbesserung, wird dem Hirn schnell langweilig. Command & Conquer wurde genau ab dem Moment öde, an dem man merkte, wie man durch das geschickte Bauen von Sandsackmauern den Computergegner einzäunen konnte. Rollercoaster Tycoon war auf einmal furchtbar langweilig, als man endlich einen richtig großen Park mit allen Attraktionen sein eigen nennen konnte und man sich nur noch mit dem Ausdenken besonders kranker Achterbahn-Layouts bei Laune halten konnte. Das menschliche Hirn ist anspruchsvoll und will gefüttert werden. Wenn einfach nichts neues mehr vorhanden ist, was es aufnehmen kann, wird ihm langweilig.
Und all das passiert auch eine Ebene höher. Und zwar zwischen den vielen Spielen selbst. Seit eh und je teilen wir die vielen Spiele, die jedes Jahr erscheinen, in Genres ein, damit wir sofort wissen, was uns beim neuen Call of Honor 5: Brothers in Duty genau erwartet. Dazu nennen wir es einen Shooter. Oder bei World of Evermourning, ein MMORPG. Das Genre sagt genau aus, mit welchen Mustern wir in dem Spiel konfrontiert werden.
Und genau deswegen interessieren mich viele Spiele nicht. Ein Shooter ist ein Shooter ist ein Shooter. Call of Honor 5: Brothers in Duty ist im Prinzip das selbe Spiel wie Doom. Klar, es hat andere Waffen, ein anderes Setting, sieht viel besser aus. Aber die Muster, denen sich unser Kopf beim Spielen annehmen muss, sind — vielleicht bis auf kleine Details — die selben. Rumrennen, zielen, schießen, punkten, Levelende erreichen, durchspielen. Spiele wie Call of Honor 5: Brothers in Duty werden nicht für Gamer produziert, die sich an neuen Herausforderungen ergötzen, sondern für eine ganz seltsame Zielgruppe, der beim geilen Weltkriegsszenario anscheinend einer abgeht. Was diese Spiele nicht unbedingt schlecht macht. Aber stinkelangweilig. Zumindest für Leute wie uns, die schon seit den 80ern Spiele spielen und mit den dort auftretenden Mustern äußerst vertraut sind.
Und da haben wir den Grund, warum ich selber lange nicht mehr so viel spiele, wie ich eigentlich gerne möchte: ich kenne bereits alles. Die meisten Spiele, die in den nächsten Monaten und Jahren erscheinen, habe ich bereits durchgespielt, ohne dass sie überhaupt schon erhätlich sind. Klar, es gibt Ausnahmen. Im Büro spielen wir jeden Tag nach dem Mittagessen ein, zwei Runden Mario Kart DS. Das macht einen Riesenspaß. Zuhause spiele ich aktuell Ratchet & Clank 3, das zwar genau wie alle anderen Teile der Serie und wahrscheinlich auch die meisten Jump & Runs ist, aber trotzdem aufgrund der vielen verrückten kleinen Ideen genug Abwechslung bietet, um meinem Hirn Spaß zu machen. Und natürlich gibt es “Genre Breakers” wie Shadow of the Colossus, die es so tatsächlich noch nicht x Mal gegeben hat. Und vermutlich kaufe ich mir bald eine Xbox 360. Nicht für Need for Speed Most Wanted, nicht für Perfect Dark Zero, wahrscheinlich nicht mal für Oblivion; nein, wenn ich mir die Xbox 360 kaufe, dann hauptsächlich, um zwei bekloppte kleine Download-Games zu spielen: Hexic und Geometry Wars.
Muster pur. Für mein nimmersattes Hirn. Das ist Spaß. Naja, mein Spaß.
Du sprichst mir z.T. aus der Seele, insbesonders was Amplitude betrifft. Manchmal denke ich auch, ich bin vielleicht zu alt geworden, daß ich keine Lust mehr habe, Soldat/Gangster zu spielen oder dicke Autos zu fahren. Was mir in letzter Zeit am meisten Freude bereitet hat, waren eben Amplitude und We love Katamari.
Ein wirklich interessanter und gut geschriebener Artikel. Auch ich stelle fest, dass mich immer weniger Spiele reizen und wenn ich eins spiele, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich nicht mit vollem Herzen dabei bin. Man hat wie du sagtest einfach vieles schon einmal gesehen. Insofern reiten wir sozusagen auf der selben Welle. Ich bin schon länger am rätseln, warum mich das Spielen icht mehr so reizt wie früher. Dein Artikel hat viele Dinge in Worte gefasst, die mir so zwar irgendwie bewusst waren, ich aber nicht so klar hätte ausdrücken können. Trotzdem muss da noch mehr sein ..
Aber etwas anderes: womit ich meine Probleme habe, ist deine Defintion von Spass. Spass ist für mich nicht zwangshalber mit gleichzeitigem lernen verbunden. Von was auch immer, seien es Aktionsmuster, Hand-Auge-Koordination oder Vokabeln. Sicher schliessen sich Spass haben und Neues lernen nicht aus, aber imho ist lernen keine Bedingung zum Spass haben. Spass haben kann auch sein, z.B. mit Freunden einen trinken zu gehen und einfach eine gute zu Zeit haben. Oder sein Gehirn auszuschalten und sich einen Äkschnfuim a la T3 anzugucken. Meiner Meinung nach wäre es in deinem Artikel passender gewesen, anstatt von “Spass haben” von “interessant finden” zu reden. Wenn ich neue Dinge lerne, tue ich es nur gerne, wenn ich sie interessant finde. Und dann habe ich vielleicht noch Spass dabei. Hui, ist das kompliziert. Ich hör jetzt besser auf.
Und bitte nicht falsch verstehen, das ist keine Kritik an deiner Sichtweise der Dinge, sondern nur eine Darstellung meiner Meinung. Schliesslich habe ich von “deiner Definition von Spass” gesprochen. Und wie man Spass definiert, ist letztendlich bei jedem Einzelnen Definitionssache.
Sehr schöner Artikel, und ich stimme dir so ziemlich voll und ganz zu. Wie auch FaFu würde ich persönlich Spass etwas anders definieren wollen, nämlich mit “erfahren” statt “lernen”. Anders könnte ich mir nicht erklären, warum mir zum Beispiel das wiederholte Durchspielen alter Titel immer noch Freude bereitet.
Nehmen wir mal Symphony of the Night. Da kenne ich alle Geheimnisse, habe jeden Gegner schon dutzendfach besiegt und kann die Dialoge runterbeten, bevor sie im Spiel vorkommen. Dennoch habe ich jedesmal wieder Spass daran, und zwar nicht weil ich etwas lerne, sondern weil ich als Antwort auf meine Aktionen ein subjektiv positives Feedback bekomme. Nun ist das natürlich die Folge eines Lernvorganges im Sinne von “Maus drückt rechten Knopf, Maus kriegt Futter, Maus drückt nochmal rechten Knopf”, aber dennoch resultiert in diesem Fall mein Spass aus dem “Wissen”, nicht aus dem “Lernen”. Ich würde daher Spass eher mit Erfahrung gleichsetzen wollen.
Das ist Haarspalterei, schon klar, aber so bin ich nunmal.
Spaß hat man mit Dingen, die man am liebsten tut.
Hendrik – Muster erkennen, FaFu – abhängen, Stefan – erfahren.
Und die Tätigkeit, die man am liebsten tut, ist ein Anzeiger deiner Fächigkeit, deiner Gabe, die du von der Natur hast. Diese Gabe/Fächigkeit gibt dir keine Ruhe, du suchst instiktiv Felder, wo du sie ausprobieren oder anwenden kannst. Darum haben wir Spaß an verschiedenen Dingen. Spaß ist Code, das in uns steckt.
Ich kenne das. Ich will meine Zeit nicht mehr dafür hergeben, etwas zu spielen, das ich schon kenne, oder Muster neu zu lernen, die ich schon mal in leicht abgewandelter From gelernt habe.
Und aus dem gleichen Grund werde ich mir wohl eine Revolution zulegen.
Auf der XBOX360 war mein Favorit übrigens Mutant Storm (XBOX Live Arcade).
Großartig. Besonders die letzten beiden Absätze.
Halt! Auch das mit dem Notenlernen. Denn das funktioniert tatsächlich genau so. Bald wirst du der Ukulelen-König (Verzeihung: Kini) in der Fußgängerzone von München-Schwabing sein.
Nun, ich stimme weitgehend zu. Nur mag ich nicht, wenn ich die Muster erkenne, an denen ich Spass habe. Dann fühle ich mich doof. Wenn ich merke, das ich das spiel geschnallt habe und letzten Endes durch Fleiss und Übung weiterkomme, ist der Reiz für mich weg.
Daher ist Tetris für mich auch immer nur maximal 20 minuten unterhaltsam gewesen. Wenn ich merke, das ich in Zukunft dasselbe tun muss, nur schneller… dann bin ich weg.
Daher spiele ich im Moment weniger, oder eben D&D Online Beta.