Ryu – D 1/8192

Breath of Fire V: Dragon Quarter ist das wohl aussergewöhnlichste Rollenspiel, das mir je begegnet ist. Es passt einfach in keine Schublade, und wirft mit einer Selbstverständlichkeit liebgewonnene Genre-Klischees über Bord, als hätte es die stockkonservativen ersten vier Teile der Serie nie gegeben. Es zu beschreiben fällt mir ähnlich schwer wie bei Killer 7, aber ich werde es trotzdem mal versuchen.

Stellt euch vor, jemand würde Dungeon Master mit Silent Hill kreuzen. So ungefähr muss man sich das Spiel vorstellen, ein Dungeon Crawler mit unangenehm beklemmender Atmosphäre. Von der Animé-Optik sollte man sich nicht täuschen lassen, Dragon Quarter ist mit seinen ausgemergelten Charakteren, den schmutzig-grauen Szenarien und dem aus Konamis Horrorserie bekannten Grieselfilter näher an Project Zero als ein einem klassischen Rollenspiel wie etwa Dragon Quest VIII. Dazu kommt ein Soundtrack, der irgendwo zwischen E-Pop und Ambient angesiedelt ist und die bedrückende Grundstimmung hervorragend unterstreicht. Ausserdem geht es in diesem Spiel erfreulicherweise mal nicht darum, die Welt vor irgendeinem drohenden Unheil zu retten; im Gegenteil, die Welt ist schon kaputt, und die verbliebenen Menschen hausen in Stollen unter der Erde. Einziges Ziel in Dragon Quarter ist es, lebend an die Oberfläche zu gelangen.

Rein mechanistisch gesehen ist Breath of Fire V ein Crawler im Stil von Shining in the Darkness. Man arbeitet sich soweit vor wie man kommt, kehrt zur Stadt zurück um die Party zu heilen und neue Vorräte zu kaufen, und kehrt anschliessend in den Dungeon zurück, wo man nun dank der grösseren Erfahrung ein Stück weiter kommt als beim letzten Versuch. So ähnlich funktioniert es auch bei Dragon Quarter, allerdings mit ein paar kleinen aber feinen Unterschieden. Zum einen gibt es nur eine endliche Anzahl von Monstern. Respawn gibt es nicht, ein einmal getöteter Gegner bleibt tot. Die einzige Möglichkeit aufzuleveln besteht im SOL-System, und hier beginnt es kompliziert zu werden. Für jeden Sieg erhält man zwei Sorten Erfahrungspunkte, normale, die sofort gutgeschrieben werden, und Party XP, die auf einem extra Konto gelagert werden. Diese Bonuspunkte errechnen sich unter anderem aus der Anzahl der bekämpften Gegner und der Zahl von Kampfrunden.

Der Gag ist nun, dass man zu jeder Zeit einen SOL Restore durchführen kann. Dadurch wird man zum letzten Speicherpunkt zurückgesetzt und verliert alle normalen Erfahrungspunkte und Gegenstände, die man bis dahin gesammelt hat. Man behält allerdings seine Party XP, die man beliebig an seine Charaktere verteilen kann, und alle Waffen, die man in speziellen Kisten eingelagert hat. Um es nicht zu einfach zu machen, sind die Speicherterminals allerdings ziemlich weit voneinander entfernt, und verbrauchen noch dazu pro Speicherung einen der seltenen Save Tokens. Ausserdem legt das Spiel nur einen einzigen, kopiergeschützten Slot an, damit man nicht durch Hin- und Herkopieren am Spielstand herumtrickst. Glücklicherweise gibt es dafür eine zusätzliche Quit&Save Option, allerdings wird dieser separate Spielstand beim Laden gelöscht.

Als wenn das Ganze nicht schon kompliziert genug wäre, gibt es zusätzlich eine nicht unwesentliche Kleinigkeit zu beachten. Relativ früh im Spiel erhält Hauptcharakter Ryu die Fähigkeit, sich für kurze Zeit in einen Drachen zu verwandeln. Diese Drachenform ist mächtig genug, um jeden Gegner in Dragon Quarter in einer Kampfrunde auszuschalten, so dass man Bosse eigentlich vergessen könnte. Das Problem ist, mit den Drachenkräften erhält man den D-Counter. Erreicht dieser 100%, ist das Spiel unwiderruflich vorbei. Schluss, aus, Ende. Wie ihr euch jetzt wahrscheinlich schon denken könnt, lässt die Drachenform den D-Counter unerbittlich ansteigen, so dass man mit seinen neuen Kräften gut haushalten sollte, zumal sich der Wert bei einem SOL Restore überträgt.

Das Kampfsystem ist für ein Rollenspiel ebenfalls untypisch, und erinnert mich am ehesten an eine Mischung aus Xenosaga und Baldur’s Gate. Monster kann man schon von weitem herumlaufen sehen, und sie mit allen möglichen Gegenständen anlocken, vertreiben oder in eine Falle locken, noch bevor es zum eigentlichen Kampf kommt. Das eigentliche Kampfgeschehen läuft dann ausgesprochen taktisch ab, mit einem zweilagigen Aktionspunktekonto, einem ausgefeilten Combosystem und Flächenzaubern, die die Bewegungsfreiheit der Gegner einschränken.

Breath of Fire V ist ebenso sehr Experiment wie Rollenspiel, und wird sicherlich nicht jedem gefallen. Zu ungewöhnlich ist das Konzept, das übrigens mehrmaliges Durchspielen ausdrücklich vorsieht, zu fokussiert die Rahmenhandlung, zu augenscheinlich oberflächlich die Charaktere. Es richtet sich definitiv an erfahrene Videospieler, die Spass daran haben, ein komplexes Regelsystem zu ergründen und ihre Spieltechnik zu optimieren. Darin ähnelt es stark P.N.03, das ebenfalls die Beherrschung der Spielmechanik als oberstes Ziel hat. Für die europäische Version wurde übrigens das stringente Speichersystem geändert, man erhält zu Beginn einen grossen Haufen Speichertoken, muss dafür aber auf die Quit&Save Option verzichten. Wer also das Spiel im Original erleben will, muss wie ich auf einen US Import zurückgreifen.

8 Kommentare Autor: Stefan
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8 Kommentare

  1. /marvinvoice “Klingt grässlich”

    Oder sagen wir mal, es ist nichts für mich. Ich habe es bei Stefan gesehen und fand meine letzte Wurzelbehandlung unterhaltsamer. Ich glaube aber, wer das oben gelesen hat und jetzt denkt “Hmm, das klingt interessant.”, der sollte sich das Spiel ruhig mal anschauen.

  2. Übrigens: Hier mal ein Beispiel von jemandem, der zwar alles gesehen, aber nichts verstanden hat. Sehr amüsant.

  3. Mein bruder hat das Spiel. Ich finde es eigentlich sehr gelungen, nur irgendwie kann ich mich nicht mit diesem SOL-System anfreunden. Ich fand es nicht so toll, nur weil mein D-Counter schon wieder zu hoch war, den ganzen Mist noch einmal von vorne zu machen. Klar, mit den erbeuteten Party-EXP kann man sich den Anfang bis zu einem gewissen Grad einfacher machen, aber dennoch fehlte mir nach etwa dem, ich glaube, achten SOL-Neustart einfach die Motivation. Mein Bruder ist um einiges weiter gekommen als ich, aber durchgespielt hat er es auch nicht.

  4. Das ist dann auch so ein Spiel das mir wohl nicht gefällt. Ich hasse Wiederholungen. Sterben und es erneut versuchen ist ok, aber mehrmaliges Durchspielen, ne Danke!
    Wie lange dauert es denn ungefährt, bis man zum 1. Mal die Endsequenz bestaunen darf?

  5. Wie lange dauert es denn ungefährt, bis man zum 1. Mal die Endsequenz bestaunen darf?

    Knapp 25 Stunden beim ersten Mal, entsprechend weniger beim erneuten Durchspielen. Ich hab jetzt etwa 50 Stunden auf dem Konto und nähere mich zum dritten Mal dem Finale. So eine Spieleflaute zum Jahreswechsel hat auch ihr Gutes.

  6. Bin grad arg faul: Ist das Game schon in deutschsprachigen Medien besprochen worden?
    Ansonsten hört es sich nicht nach einem Game für mich an: Ewiges Vor- bzw. dann Verplanen mag ich nicht, und mehr oder weniger erzwungenes Durchspielen auch nicht.

  7. Klar, es ist ja auch schon eine gute Weile draussen und sollte spottbillig zu kriegen sein. In der Maniac wurde es glaube ich mit um die 80% bewertet, bin aber jetzt ebenfalls zu faul um das rauszusuchen.

  8. Von der Maniac gab’s 83%.