
Ich spiele Rollenspiele hauptsächlich wegen der Atmosphäre. Videospiele sind wie kein anderes Medium dazu in der Lage eine ganze Welt, ja eine ganze Kultur zu erschaffen und diese dann vom Spieler erforschen zu lassen. Deswegen war ich zum Beispiel ein großer Fan von Morrowind, obwohl das Kerngameplay doch einiges zu wünschen übrig ließ. Für mich bestand das Spiel eben darin die Welt kennen zu lernen. Die Hauptquest habe ich dann ganz am Schluss nur der Vollständigkeit halber abgehakt. Ähnlich verhält es sich bei World of Warcraft. Eigentlich kann ich ja MMORPGs nicht ausstehen. Allein schon wegen der ganzen Deppen und dem viel zu hohen Zeitaufwand. WoW aber hatte eine so atemberaubende Welt zu bieten, dass ich gerne 20 Wolfpelze gesammelt habe, nur um zu sehen was hinter der nächsten Ecke liegt.
Idealerweise versinke ich dabei vollständig in dieser Welt und habe wirklich das Gefühle an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit zu sein. Andersrum habe ich an Rollenspielen die keine atmosphärische Welt bieten, meist wenig Spaß. Divine Divinity oder Sacred zum Beispiel haben mich schrecklich gelangweilt und ich kann mir das nicht anders als mit ihrer lieblosen Präsentation erklären.
Sehr frustrierend ist in dieser Hinsicht der Mangel an Abwechslung bezüglich der Welten selber. Eigentlich hat meist nur die Wahl zwischen den ewig gleichen westlichen oder asiatischen Fantasywelten. Mit letzteren kann ich meist wenig anfangen, denn diese Welten sind häufig weit jenseits von irgendwelcher Glaubwürdigkeit angesiedelt und schon rein visuell meist von erstaunlicher Geschmacklosigkeit. Glaubt mir, liebe Bewohner des Planeten Squenix, jedes Gelenk eures Hauptcharakters mit einem andersfarbigen Stück Stoff zu bedecken ist weit weniger fantasievoll als ihr glaubt. Und ihr könnten auch beim Einsatz von Haarprodukten ein bisschen weniger enthusiastisch sein! Auch spielerisch geht da meist wenig, denn das Prozedere ist mir häufig viel zu linear. Ich kann in diesen Spielen nur eben nicht mal einen Umweg gehen, nur um die lokale Architektur zu bewundern oder etwas über die örtliche Religion zu lernen.
Letzteres wird immerhin von den meisten westliche Rollenspiele geboten. Dafür sieht es da aber mit dem Abwechslungsreichtum noch ärmer aus. Muss es wirklich immer mittelalterliche Fantasy sein? Müssen immer Orks und holde Maien vorkommen? Jawohl, liebe Spieleentwickler, man kann auch ein Rollenspiel ohne Dunkelelfen und böse Erzmagier machen. Für jedes Jade Empire oder Knights of the Old Republic gibt es zwanzig Gothics und Neverwinter Nights.
Also kiebe Spieleentwickler, wie wäre es mal mit Spielen die von afrikanischer Mythologie inspiriert sind? Vom alten Ägypten bis hin zu irgendwelchen untergegangenen Kulturen in den Dschungeln Zentralafrikas gibt es da doch genügend Stoff! Wie wäre es mit dem Inkas oder Mayas als Inspiration? Oder ein Rollenspiel mit dem Prinz von Persien? Mit den mongolischen Horden anstelle der Orkhorde? Und das sind nur ein paar historische Ideen aus unserer eigenen Vergangenheit. Es muss auch nicht immer Fantasy sein. Wie wäre es mal mit einem historisch halbwegs korrekten Szenario, wo wir schon dabei sind uns in der Vergangenheit umzuschauen? Ein Spiel kann auch ohne Feuerbälle Spaß machen. Ihr habt jedenfalls das ganze Universum aller denkbaren Welten zur Verfügung, und alles was euch einfällt ist “Äh, Orks!”? Bitter.
Um so mehr freue ich mich dann immer, wenn ich ein Spiel finde dass aus diesen Klischees ausbricht. Silkroad Online ist so ein Spiel. Die Seidenstrasse allein bietet einen fantastischen Hintergrund für ein Spiel, insbesondere für eins mit dichter Atmosphäre. Eine Reise entlang der Seidenstrasse würde uns von China nach Indien, dann über Afghanistan und Persien nach Baghdad und schließlich Rom führen. Zumindest wenn man Osten anfängt. Auf den Spuren Marco Polos würde der Weg natürlich eher am Mittelmeer anfangen und wohl auch ein paar Jahrhunderte später stattfinden. Tatsächlich scheint Silkroad Online alle diese Kulturen abzudecken. Die Weltkarte im Spiel ist jedenfalls äußerst verlockend.
Da auf der Homepage des Spiels dummerweise fast nur schlecht gemacht Screenshots aus den Kämpfen zu sehen sind, hätte ich das Spiel fast links liegen gelassen. In Bild eines indischen Palastes hat dann aber doch mein Interesse geweckt und ich habe es installiert. Wie üblich ist das Spiel selber kostenlos aber man kann sich aber für echtes Geld besonders tolle Gegenstände kaufen.
Keine Frage, Silkroad sieht super aus. Die chinesische Stadt in der man anfängt ist wunderbar detailreich gestaltet, mit satten Farben und ordentlich Abwechslung innerhalb der einzelnen Stadteile. Durch die Stadttore reiten jeden Menge mit Handelswaren beladene Pferde und Kamele. Wenn es Nacht wird, leuchten überall Laternen. Die Landschaften außerhalb der Stadt sind zwar relativ schlicht gestaltet, gewinnen aber durch amüsant gezeichnete Monster, schöne Sonnenuntergänge und Wettereffekte einiges an Atmosphäre. Nicht weit außerhalb der Stadt liegt übrigens ein riesiges Grabmal für einen toten Kaiser das mit seinen riesigen Dimensionen beeindruckt.
Keine Frage, ich konnte es kaum erwarten dieses Welt zu erforschen und stürzte mich freudig in die erste Quest. Tja, und dann ging alles den Bach runter. Zunächst mal es ist ziemlich schwierig, überhaupt in das Spiel rein zu kommen. Es gibt nur eine handvoll Server und die sind hoffnungslos überlastet. Anders als bei WoW wird man aber nicht in eine Warteschlange gesteckt, sondern sang- und klanglos auf den Desktop zurück befördert. Jeder neue Versuch auf den Server zu kommen, erfordert also erstmal einen Neustart des Spiels. Außerdem ist es entsetzlich verbuggt. Abstürze sind gang und gäbe; einmal habe ich sogar einen Bluescreen sehen müssen. Das hat schon lange kein Spiel mehr geschafft.
Da fangen die Probleme allerdings erst an. Silkroad ist nämlich das am schlechtesten übersetze Spiel das mir je untergekommen ist. Das vorherrschende Korenglish ist so übel, dass es nicht mal mehr amüsant ist. Manchmal ist es wirklich schwierig herauszufinden, was das Spiel eigentlich von einem will. Groß- und Kleinschreibung gibt es gar nicht. Es ist ja auch so viel einfacher alles klein zu schreiben!
Nächstes Problem: Es ist alles voller Deppen. Deppen die ihren eigenen Laden haben. Jeder Zentimeter der Anfangsstadt ist mit Marktständen zugekleistert, wo die Leute Gegenstände oder virtuelle Gefälligkeiten sexueller Natur feil bieten. Das mag gar nicht so unrealistisch sein, die Seidenstraße war nun mal ein Handelsweg für alle möglichen Gewerbe, inklusive dem ältesten der Welt, aber die Dichte an Ständen ist so hoch, dass man zum Teil den Fuß nicht mehr and den Boden kriegt. Das kann man wörtlich nehmen, denn es kommt tatsächlich vor, dass man nicht mehr vorwärts kommt, weil jeder Klick als Auswahl eines Händlers interpretiert wird, obwohl man eigentlich nur geradeaus gehen will. Außerdem kann man die NPCs häufig vor lauter l33t3r Beschreibungstexte der Händler einfach nicht mehr sehen.
Es gibt noch mehr Probleme. Die Quests sind doof. Mehr als Fedex und “Bring 30 Monster vom Typ X um” scheint es nicht zu geben. Dabei ist das Kampfsystem echt öde. Doppelklick und warten bis der Gegner tot ist. Möglich dass da später mehr kommt, aber so viel Geduld habe ich einfach nicht. Apropos Geduld, mein Charakter hat sich ungefähr mit dem Schwung einer halbtoten Sumpfschnecke vorwärts bewegt. Ganz am Anfang muss man ein paar Fetchquests machen, die wohl irgendwie eine Art Tutorial darstellen sollen. Mal abgesehen davon dass die Text zum Teil schlicht falsch sind (man wird in den Süden geschickt, obwohl die gesuchte Person im Osten ist) dauert das ewige hin und her aufgrund des lahmarschigen Charakters einfach unendlich lange. Wer überhaupt zur erste Monsterplättquest kommt, hat schon einiges an gutem Willen aufbringen müssen.
Irgendwann ist mein guter Wille jedenfalls völlig aufgebraucht gewesen und ich habe das Spiel deinstalliert. Lektion gelernt: Egal wie schön die Welt ist, ein bißchen Gameplay darf es dann schon sein. Oder zumindest könnte man das Gameplay ganz rauslassen. Kein Gameplay ist immer noch besser als schlechtes Gameplay. Gebt mir eine hübsche Welt, einen Screenshotknopf und ich habe zumindest eine Weile Spaß. Leider stellt sich Silkroad da stur. Eine Screenshotweltreise ist wegen zu hoher Monsterpopulation gescheitert. Sehr schade.