Zurückgeblieben

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Stellt euch vor, ihr sitzt im Flugzeug und denkt gerade über die scharfe Frau eures Nachbarn nach. Ihr starrt so aus dem Fenster und überlegt euch, was ihr alles mit ihr anstellen werdet, sobald ihr Mann auf Geschäftsreise ist, als sich plötzlich Unruhe im Flugzeug ausbreitet. Einige der Passagiere sind verschwunden. Einfach so. Ihre Kleidung liegt in Haufen auf ihren Plätzen und keiner kann sich erklären wo sie hin sind.

Eine Notlandung später stellt ihr fest, dass dieses Phänomen nicht auf euer Flugzeug beschränkt war. Überall auf der Welt sind Leute verschwunden. Bei Tempo 200 auf der Autobahn, beim Frühstück oder auf dem Klo. Nur ihre Kleidung ist noch da, ansonsten gibt es keine Spur von ihnen.

So beginnt das Buch “Left Behind”, ein Fantasyroman der amerikanischen Autoren Tim LaHaye and Jerry B. Jenkins über das Ende der Welt. “Left Behind” ist das erste Buch einer ganzen Serie, von der in den USA schon über 60 Millionen Bücher verkauft worden sind und die bereits drei Filme inspiriert hat. Soweit ist das alles zwar äußerst lukrativ aber nicht sonderlich spektakulär.

Hier wird es allerdings interessant: Millionen von Amerikanern glauben, dass das alles wahr ist. Sowohl die Autoren als auch ihre Leser sehen das ganze nämlich nicht als Fantasy, sondern als eine akkurate Beschreibung eines kurz bevorstehenden Ereignisses. Nur die Charaktere sind erfunden. Alles andere wird wirklich passieren. Noch zu unserer Lebzeit.

Diese Amerikaner sind evangelikale Christen und das Ereignis nennen sie “The Rapture” (zu deutsch “Entrückung”). Während fast alle Christen daran glauben, dass die Gläubigen am Ende der Welt auf die eine oder andere Art in den Himmel kommen, glauben diese Leute ganz spezifisch daran, dass ihre körperliche Form in einem bestimmten Moment von der Erde genommen und in den Himmel versetzt wird. Wie bei jeder religiösen Theorie gibt es auch hier verschiedene Varianten, wobei der Hauptdisput sich darum dreht, wann genau die Entrückung stattfinden wird. Dies kann entweder nach (Post-Entrückung), in der Mitte (Mittel-Entrückung) oder vor (Prä-Entrückung) der sieben Jahre dauernden Großen Trübsal stattfinden. Offensichtlich haben sich die Autoren von Left Behind entschieden, an die Prä-Entrückung zu glauben.

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum so eine Theorie attraktiv ist, insbesondere für die sehr missionsorientierten evangelikalen Christen. Eine Prä-Trübsal Entrückung wäre nämlich das größte “Ich habe es dir ja gesagt!” der Weltgeschichte. Somit ist “Left Behind” wohl schlichtweg eine Art Rachefantasie. Wer nicht auf die Prediger hört, der muss die Große Trübsal mit Antichrist, den Sieben Plagen und allem Drumherum ertragen. Besser noch, den wahren Gläubigen bleibt all das erspart, was ja bei einer Mittel- oder Post-Entrückung nicht der Fall wäre.

Dummerweise gibt es herzlich wenig biblische Belege für diesen ganzen Entrückungskram. Der Begriff der Rapture taucht in der Bibel überhaupt nicht auf, die großen christlichen Religionen inklusive der Katholischen Kirche halten das für kompletten Unsinn und die Idee ist überhaupt erst im 19ten Jahrhundert aufgetaucht, womit sie nicht gerade in einer großen apostolischen Tradition steht.

Tatsächlich baut das gesamte Konzept der Entrückung nur auf einem einzigen Vers in der Bibel auf, nämlich 1 Thess. 4,17:

“Dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt, dem Herrn entgegen. Dann werden wir immer beim Herrn sein.”

Schon erstaunlich was man sich mit genügend Fantasie aus so was basteln kann.

Nachdem ich jetzt mit dem ganzen Religionsgefasel die Besucherzahl von Antigames spontan halbiert habe, kann ich für die zurückgebliebenen (haha) Mitglieder der Antination ja endlich aufklären, warum ich sie mit diesem ganzen Unsinn zugetextet habe. Left Behind hat nämlich auch ein Videospiel namens “Left Behind: Eternal Forces” inspiriert.

In diesem Echtzeitstrategiespiel kann man als Mitglied der Tribulation Force (das sind Leute die zurückgeblieben sind, sich dann aber doch noch ganz schnell entschieden haben Jesus Christus als ihren persönlichen Retter zu akzeptieren) gegen den Antichristen und seine Mächte zu kämpfen.

Um vor der Diskussion des Spiels noch kurz die Qualität der Bücher und einige Details der Story zu etablieren: Der Antichrist heißt Nicolae Carpathia (kein Scherz), hat sich zum Präsident der Vereinten Nationen aufgeschwungen (kein Scherz) mit diesen die Weltherrschaft an sich gerissen (kein Scherz) und zwingt jetzt alle per Waffengewalt Atheisten zu sein und in Frieden zu leben (auch kein…na ihr wisst schon). Wer kein Atheist sein will oder gerne auf Leute schießt, der schließt sich der oben schon erwähnten Untergrundgruppe “Tribulation Force” an und bekämpft zusammen mit Protagonist Rayford Steele (Rayford Steele!) den Antichrist mit Gebeten und Raketenwerfern. (“Go Wolverines!”)

Das mag jetzt nach extrem unterhaltsamem Trash klingen, ist aber so holprig und moralisierend geschrieben, dass selbst ich nach zwei Kapiteln aufhören musste, und ich habe für so was normalerweise eine recht hohe Schmerzgrenze.

Zurück zum Spiel. Von dem ist gerade eine Demo erschienen und die musste ich einfach mal spielen. Schon bei der Installation macht das Spiel keinen Hehl aus seinem Sinn und Zweck, denn es wird nicht nur ein Shortcut zum Starten der Demo ins Startmenü gepackt, sondern auch ein Link zu Webseite “Don’t be left behind!“, wo man mit schicken Diagrammen zu Jesus geführt werden soll.

Das Spiel selber gibt die Weltsicht der Designer auch recht deutlich wieder. Neue Einheiten werden zum Beispiel nicht in Militäreinrichtungen oder Hauptquartieren gebaut, sondern man konvertiert “Zivilisten” von der Straße. Dazu braucht man einen “Disciple”, der mit der Bibel in der Hand loszieht, um Leute zu bekehren.

Der Prozess der Konvertierung ist dabei ganz interessant zu beobachten. Bevor ein Disciple mit den Leuten geredet hat, sind alle sehr unterschiedlich angezogen. Vom lässigen Typen in Jeans und Baseballkappe bis hin zum Mann im Anzug ist alles vertreten. Nach der Konvertierung verwandeln sich plötzlich alle in Klonkrieger mit einer Uniform aus Karohemd und Seitenscheitel.

Witzig ist übrigens der “Life Story” Button. Da kann man tatsächlich zu jedem Charakter seine zum Teil recht ausführliche Lebensgeschichte, sowie seine “Faith Story” lesen. Letztere beschreibt, wie die entsprechende Person zu Gott gefunden hat. Auch diese Geschichten liefern interessante Einsichten in die Weltsicht der Entwickler. So glauben die anscheinend, dass französische Kunsthistoriker in Scharen die schreckliche Armut und Unterdrückung ihres Heimatlandes verlassen, um in den USA als LKW-Fahrer den American Dream zu leben. Ob Franzose oder nicht, alle rufen nach der Konvertierung brav mit monotoner Stimme: “We are ready to serve!”.

Womit die Leute dann dienen, bestimmt der Spieler. Man kann mit Geld (eine Ressource des Spiels) Gebäude kaufen und diese dann mit einem Bauarbeiter in verschiedene Einrichtungen wie Kasernen, Cafés, Banken oder Krankenhäuser verwandeln. Diese Einrichtungen können entweder frisch konvertierte “Freunde” in nützliche Einheiten wie Soldaten, Krankenschwestern oder Musiker verwandeln, oder sie liefern Ressourcen wie Nahrung bzw. Geld.

Bei der Umwandlung der Konvertiten in Einheiten kommt wieder ein Stück Weltanschauung zum Vorschein. Wer nämlich aus einer Frau einen Bauarbeiter, oder aus einem Mann eine Krankenschwester machen will, der hat sich geschnitten. Bei Left Behind Games herrscht nämlich noch eine züchtige Rollenverteilung. Ich schätze auch die Endzeit haben Frauen wohl in der Küche zu verbringen.

Ein wirklich interessantes Konzept hat Left Behind allerdings zu bieten. Jede Einheit hat einen sogenannten “Faith”-Wert. Fällt dieser Wert zu tief, dann wird aus einer freundlichen Einheit wieder eine neutrale oder aus einer neutralen eine böse. Der Antichrist kann also deine Konvertierungen wieder rückgängig machen, indem er die Einheiten zur dunklen Seite der Macht verführt. Klang cool, bis ich heraus fand, wie der Antichrist das bewerkstelligt.

Nämlich mit Rockmusik, ist doch klar! Nein, ich denke mir das nicht aus. Der Antichrist baut jede Menge Rockmusiker, stellt diese mitten auf die Straßen von New York und wenn deine Einheiten daran vorbei laufen, fallen sie dem Teufel anheim. Zum Glück gibt es einen “Pray”-Knopf mit dem sich Einheiten von den bösen Schwingungen der elektrischen Gitarre wieder reinwaschen können.

Ehrlich wahr. Ich wünschte ich könnte mir so einen Quatsch ausdenken.

Besser als Catchumen ist Left Behind schon, allerdings kann man es kaum mit einer professionellen Produktion verwechseln. Das Spiel ist unübersichtlich, die Grafik schwach und die Missionen verdammt zäh. Meistens stirbt man an einer Überdosis Rockmusik. Oder an einer Unterdosis Beten. Je nachdem wie man das sehen will.

Woran man nicht stirbt ist eine Überdosis Blut. Jawohl, “Left Behind Eternal Forces” ist familienfreundlich. Zumindest nach amerikanischen Standards. Das bedeutet es gibt kein Blut und niemand ist nackig, während der Spieler für seinen Gott halb New York umnietet. “Praise the Lord”, wie die Einheiten im Spiel sagen, wenn sie wieder jemand getötet haben, der sich nicht zum wahren Glauben bekannt hat.

Das schließt in der Weltsicht dieser Art von “Christen” übrigens auch Leute wie Katholiken, Juden, Schwule, Atheisten und generell alle ein, die anderer Meinung sind. Blam! Blam! “Praise the Lord!”. Wenigstens werde ich blutlos und angezogen sterben, wenn sie mich an die Wand stellen.

Interessanterweise kann der Spieler im Mehrspielermodus auch die Seite des Antichristen übernehmen und gehörnte Dämonen auf seine christlichen Glaubenbrüder loslassen. Jedes andere Spiel mit so einem Inhalt würde sonst sofort von diversen so genannten “Familienorganisationen” öffentlich an den Pranger gestellt. Aber für Left Behind wird die Werbetrommel gerührt. Ich schätze das ist wie bei “The Passion of the Christ”. Blut und halbnackte Menschen sind BÖSE und SCHMUTZIG und VERBOTEN! Außer Jesus ist im Film, dann sind sie super.

Es wird übrigens auch ausgiebig Nutzen von Ingame-Werbung gemacht. Ich habe schon das Logo der US Armee gesichtet. Ich schätze die Zielgruppe passt. Wer nicht will, dass Left Behind an den Hersteller meldet wie lange man auf eine gewisse Werbung gestarrt hat, wird enttäuscht. Ein Versuch das Spiel per Firewall zu blocken, wird mit akutem Hängenbleiben bestraft. Gott befiehlt: Schau dir unsere Werbung an! Big Jesus is watching you!

Spaß macht Left Behind nicht. Als Einblick in eine wichtige amerikanische Subkultur (die zudem eine wesentliche Machtbasis von Präsident Bush ist, der wohl selbst an viele dieser Dinge glaubt) kann es aber sehr erhellend sein. Und auch ein bisschen beängstigend.

57 Kommentare Autor: Richard
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57 Kommentare

  1. Hey, ohne Witz, als Philosoph seh ich langsam echt das Ende der Welt kommen, wenn so ein paar abgespacete Vollpfeifen das allegorische Werk Bibel in eine Prophetie interpretieren. Da krieg ich echt das kotzen. Die Ursprungsidee der Religion is ja prinzipiell net schlecht: Damit Menschen zusammenleben können braucht man moralische Regeln. Da aber nicht jeder Mensch Zeit, Nerven und Brain hat um über die Notwendigkeiten einer allgemeingültigen Moral zu reflektieren, erschafft man einfach eine Metaphysische Komponente die nicht Wissen und Nachdenken, sondern Glauben erfordert. So hatten die Griechen ihr Pantheon, voll von gestörten, sexbesessenen Psychopathen, die wunderbare Allegorien für die Menschen waren, und so die Message über richtiges Verhalten vermittelt haben. Der christliche Gott widerum hat keine dieser Mäkel, wiel er die verkörperung aller Tugenden ist, weswegen der Mensch sich nicht an ihm zu messen braucht (weil er immer unter ihm stehen muss), und so mittels Gottesfürchtigkeit einen “guten” Weg, fernab vom “bösen” wählt (normal würde ich das genauer ausformulieren, aber ihr wisst wohl was ich meine…). So könnte ich noch mit ein paar weiteren Religionen weitermachen, aber ich glaube der Sinn ist angekommen. Auf jeden Fall sollte erwähnt werden, dass es Religionen geschafft haben sich diesen ursprünglichen Grundregeln zu widersetzen und sich so verrannt haben das alles in einem letzten Weltzkrieg enden muss (zumindest so wie es jetzt aussieht), weil die Religionen heute nicht mehr Offenheit, sondern Isolation bedeuten, und das was Fremd ist ist feindlich, also muss es atomisiert werden.

    Zum Thema Rockmusik: Dimmu Borgir RULES

    P.S.: Rapture hätte ich persöhnlich jetz mit Vergewaltigen übersetzt, passt auch irgendwie.

  2. Außerhalb des religiösen Kontextes ist die korrekte Übersetzung von Rapture allerdings “Verzückung” oder “Freudentaumel”, insofern wäre deine Übersetzung nicht ganz passend.

  3. Tja, rapture und rape klingen zwar sehr ähnlich, sind aber grundsätzlich verschiedene Dinge. :)

  4. Hups, mein Fehler… . =)

  5. Glaube an Jesus und du wirst errettet werden.