Rule of Politics
Montag, November 27th, 2006 
Es war einmal ein wenig beachtetes Horrorspiel namens Rule of Rose. In diesem Spiel geht es einmal nicht um Zombies oder Dämonen, sondern um kindliche Unschuld und ein verschobenes Verständnis von Gut und Böse. Wie Director Shuji Ishikawa und Sonys Assistant Producer Yuya Takayama in diesem Interview bereitwillig zugeben, ist das Szenario bewusst verstörend gestaltet worden, insbesondere durch die sadistischen und pädoerotischen Untertöne. Ich gebe zu, auch mir waren die Trailer zu Rule of Rose nicht ganz geheuer. Zwar gibt es darin nichts wirklich Schlimmes oder Anstössiges zu sehen, aber die Fantasie des Betrachters wird schon in ungeliebte Bahnen gelenkt. Zugegeben, das sagt mehr über mich als über das Spiel aus, aber Rule of Rose ist ganz offensichtlich nicht für jedermann.
Dieser Meinung war übrigens auch die amerikanische Prüfstelle ESRB, und hat dem Spiel aufgrund von “Blood, Intense Violence, Suggestive Themes” die Einstufung M, also 17+, gegeben. Nichts Dramatisches also, ein gutes Weihnachtsgeschenk für die lieben Kleinen ist es aber natürlich auch nicht. Rule of Rose ist daher folgerichtig ohne grossen Rummel in den Staaten erschienen, und hat eher durch sein misslungenes Kampfsystem als durch anzügliche Inhalte auf sich aufmerksam gemacht. Ganz im Gegenteil, etliche Kritiker haben sich äusserst wohlwollend über Story und Atmosphäre des Spiels ausgelassen, und loben die erfrischend klischeearme Spielwelt.
Letzten Freitag hätte Rule of Rose nach etlichen Verspätungen endlich in England erscheinen sollen. Ganz unspektakulär im Vertrieb bei 505 Games, dem neuen Spezialisten für japanische Spieleperlen, die sonst keiner haben will. Die Pan-European Game Information hatte bereits ihren Segen (16+) erteilt, und eigentlich stand einer problemlosen Veröffentlichung nichts mehr im Wege. Dann allerdings hat die englische “Fachpresse”, soll heissen The Daily Mail und The Times, Wind von Rule of Rose bekommen und offenbar auf allerfeinstem Bild-Niveau über das Spiel berichtet. Es kam, wie es immer kommt. Ein paar profilierungssüchtige Politiker, darunter der Bürgermeister von Rom (nanu?), nahmen die gedruckten Halbwahrheiten für bare Münze und forderten öffentlich ein Verbot des Spiels, das man wegen seiner “obszönen Grausamkeit und Brutalität” offenbar niemandem zumuten kann. Resultat: um weitere schlechte Presse zu vermeiden, hat sich 505 Games “im Dialog mit seinen Vertriebspartnern” in letzter Sekunde dazu entschlossen, Rule of Rose nicht im Vereinigten Königreich zu veröffentlichen. Verständlicherweise haben sowohl PEGI als auch der britische Video Standards Council nicht gerade erfreut auf die Berichterstattung der yellow press reagiert.
Das Ganze erinnert irgendwie an den Fall von Canis Canem Edit née Bully, das lange vor seiner Veröffentlichung von zahlreichen Weltverbesserern und Meinungsmachern gescholten wurde, obwohl sich die meisten Horrormeldungen später als glatte Lügen oder zumindest masslose Übertreibungen herausstellten. Als Folge nahm die grösste Handelskette Englands das Spiel aus “moralischen Bedenken” nicht in ihr Programm auf, obwohl etwa die tatsächlich gewalttätigen Grand Theft Autos weiter in den Regalen stehen. Auch dieses Bücken vor der vermeintlichen Stimme des Volkes, selbst wenn sie nur Unsinn absondert, ist eine Form des Populismus, und zutiefst bedenklich. Wenn Revolverblätter wie üblich schlechter recherchieren als mancher Blog, dann adelt das zwar Seiten wie diese, aber so richtig glücklich bin ich darüber trotzdem nicht.
Das Gute ist, uns Deutsche braucht das ausnahmsweise mal nicht zu jucken. Zwar führen nur wenige Händler die Spiele von 505 Games (darunter Play.com, die Rule of Rose jetzt nicht mehr anbieten), aber die Abenteuerlustigen unter uns werden sicherlich einen Weg finden. Auch die BPjM wird in diesem Fall die Füsse still halten, immerhin hat die USK ihr Placet (keine Jugendfreigabe) schon vergeben. Ob auf der Packung jetzt wohl “banned in the UK” steht?





















