Zahlenspiele

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Vor ein paar Tagen habe ich mich ja ausführlich darüber beschwert, dass wir zum Weihnachtsgeschäft mit Spielen nur so zugeworfen werden, während für einen Großteil des restlichen Jahres Flaute herrscht. Für uns Spieler bringt dieser Weihnachtswahnsinn eigentlich nur Nachteile. Ich habe mich zum Beispiel monatelang auf Mass Effect gefreut, aber jetzt wo es raus ist, habe ich es nicht gekauft. Zu wenig Geld, zu wenig Zeit und viel zu viele andere Spiele.

Klar, irgendwann habe ich wieder Geld, die anderen Spiele durchgespielt und dann werde ich mir Mass Effect trotzdem holen. Aber das gilt nicht für alle Spiele die ich im Moment links liegen lasse. Kane & Lynch zum Beispiel. Wäre das im März herausgekommen, hätten die Chancen auf einen Kauf nicht schlecht gestanden. Andererseits klingt es jetzt auch nicht so gut, dass ich nächsten März noch mal drüber nachdenken werde. Falls ich doch drüber nachdenken sollte, werde ich wahrscheinlich auf den Preis schauen und dann lieber warten bis es billiger geworden ist. Bis es dann nach einer halben Ewigkeit wirklich billig geworden ist, werde ich es komplett vergessen haben.

Wann ich mich also selbst als anekdotischen Beweis betrachte, macht es wenig Sinn so viele Spiele auf einmal auf den Markt zu werfen. Klar, der Gesamtabsatz ist zu Weihnachten natürlich größer als im Juli und von so einem großen Kuchen will natürlich jeder etwas abhaben. Trotzdem wundert es einen schon, wenn solide aber unspektakuläre Shooter wie Blacksite: Area 51 oder Timeshift in ein Becken voller Haifische wie Halo 3, Call of Duty 4 und der Orange Box geworfen werden. Wie viele Shooter kann ein Mensch gleichzeitig spielen?

Sind die Publisher einfach dumm? Oder lohnt es vielleicht doch? Ich war neugierig und habe mir mal ein paar Zahlen angeschaut. Wie hätten sich Blacksite: Area 51 und Timeshift wohl verkauft, wenn sie im Sommer auf den Markt gekommen wären?

Zuerst ein paar Annahmen. Ich betrachte im Folgenden nur die Verkaufszahlen aus den USA, falls nicht anders erwähnt. Das liegt primär daran, dass ich zu den USA präzise Verkaufszahlen habe und zu Europa nicht. In Japan sind viele der betrachteten Spiele zudem gar nicht erschienen. Außerdem betrachten wir nur die Zahlen für die Xbox 360 Versionen der Spiele. Zum einen ist die PS3 gerade mal ein Jahr auf dem Markt, was nicht unbedingt zu stabilen Zahlen führt und zum anderen erleichtert mir dieser Kniff die Rechnerei.

Betrachten wir als erstes die Zahlen von Blacksite und Timeshift. Blacksite ist erst seit einer Woche auf dem Markt und ist mit 65,544 verkauften Kopien auf Platz 19 der Charts eingestiegen. Nicht gerade ein riesiger Erfolg, wenn man bedenkt dass Call of Duty 4 in seiner zweiten Woche in etwa die vierfache Menge abgesetzt hat und dass im Vergleich zur ersten Woche schon ein deutlicher Rückgang ist.

Timeshift hat sich nicht wesentlich besser gemacht. Nach drei Wochen auf dem Markt sind 130.000 Stück abgesetzt worden, davon 78.195 in der ersten Woche. Das war immerhin noch für Platz 9 der Charts gut.

Im Vergleich zu über 750.000 verkauften Call of Dutys, knapp 500.000 Orange Boxen und lässigen 6 Millionen Halo 3s macht sich das jetzt nicht so richtig super, gerade wenn man bedenkt dass Timeshift ca. seit der Kreidezeit in Entwicklung war und somit nicht unbedingt das kleinste Budget gehabt haben dürfte.

Jetzt wissen wir, dass man bei Midway und Sierra den Champagner sicher im Kühlschrank gelassen hat. Kniffliger wird jetzt die Frage, ob man ihn im Sommer vielleicht hätte heraus holen können. Leider kann man die Spiele nicht mit sich selbst vergleichen. Wir brauchen also ähnliche Spiele, die außerhalb der Weihnachtszeit veröffentlicht wurden.

Um Vergleichbarkeit zu erreichen, bleiben wir im Shooter-Genre. Relevant könnte außerdem noch die Qualität der Spiele sein. Blacksite hat bei Metacritic 65 Punkte bekommen, während Timeshift immerhin 69 Punkt mit nach Hause nehmen durfte. Beide Spiele sind also für Shooter-Fans durchaus interessant, aber sicher keine hochgelobten Titel. Interessant wäre es zudem noch, die Marketingbudgets der Spiele zu vergleichen, aber leider habe ich dazu keine Zahlen. In dem Bereich könnte die Jahreszeit auch einen großen Einfluss haben. Ist es im Sommer vielleicht einfacher und billiger das Zielpublikum zu erreichen als im werbegesättigten Weihnachtsgeschäft? Gut möglich, aber auch hier fehlen mir die Zahlen. Wir müssen also leider erstmal von einem ähnlichen Budget ausgehen. Abschließend sollte man noch beachten, dass beide Titel nicht Teil eines existierenden Franchises sind und somit ohne eine eingebaute Zielgruppe kommen.

Bei einer kurzen Analyse der in diesem Jahr veröffentlichen Spiele, habe ich folgende Titel gefunden, die für einen Vergleich geeignet scheinen: The Darkness, Call of Juarez und Hour of Victory. Ein passender Titel aus dem letzten Jahr wäre Prey. Nimmt man noch ein Spiel aus einen etablierten Franchise dazu, so wäre auch Medal of Honor: Airborne ein denkbarer Kandidat.

Mit Ausnahme von Medal of Honor sind alle diese Titel im Juni oder Juli erschienen, was zeitlich eindeutig außerhalb des Weihnachtsgeschäftes liegt. Von den Metacritic-Wertungen liegen sie zwischen 82 (Darkness) und 38 (Hour of Victory). Am nächsten an unseren zwei Vergleichtstiteln liegt Call of Juarez mit 71 Punkten.

Ich will es nicht länger spannend machen und nehme gleich vorweg, dass keiner der Titel im Sommer eine nennenswert größere Anzahl von Kopien absetzen konnte. Am erfolgreichsten war noch The Darkness mit 118.000 Stück in der ersten Woche, eine Zahl die man in der folgenden Zeit knapp verdoppeln konnte. Weniger gut lief es für Call of Juarez, das in seiner ersten Woche gerade mal 45.000 Exemplare verkaufen konnte. Noch schlechter schnitt Hour of Victory ab. Das Spiel, welches wie Blacksite von Midway stammt, wurde von den Kritikern in der Luft zerrissen und hat bis heute gerade mal 60.000 Stück verkauft, davon jämmerliche 13.000 in der ersten Woche.

Letztes Jahr brachte es Prey in etwa auf die gleichen Zahlen wie unsere beiden Vergleichsspiele mit 72.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche. Dies gilt, obwohl es von den Kritikern deutlich wohlwollender empfangen wurde (79 Punkte auf Metacritic).

Ähnliches gilt für Medal of Honor: Airborne, dass nicht nur einen Metascore von 83 Punkten hatte, sondern auch Teil eines lange etablierten Franchises ist. Eine erste Woche mit 82.000 abgesetzten Spielen führte zu einer Gesamtverkaufszahl von knapp 270.000 Stück.

Der einzige Erfolg den man im Sommer verbuchen kann, sind höhere Chartpositionen. Der Kuchen ist einfach kleiner. The Darkness und Medal of Honor haben sich jeweils Platz 2 bzw. 3 der Charts erobern können und selbst Call of Juarez hat es noch knapp in die Top 10 geschafft. (Nur Superflop Hour of Victory musste sich mit Platz 36 begnügen.) Dummerweise kann man sich von einer tollen Chartspositionierung nichts kaufen, insofern sind solche Zahlen wenig aussagekräftig.

Zusammengefasst: Für uns Spieler mag es nervig sein, vor Weihnachten mit Spielen zugeworfen zu werden und im restlichen Jahr dann Dürrperioden ertragen zu müssen, aber für die Verkaufszahlen von „kleineren“ Spielen scheint es keinen großen Unterschied zu machen, wann sie veröffentlicht werden Der Weihnachtskuchen ist anscheinend groß genug, dass auch diese Spiele einen fairen Anteil abbekommen. Ob man sich bei Sierra oder Midway nicht vielleicht etwas mehr erhofft hat, sei mal dahingestellt.

Eine Veröffentlichung im Sommer hätte jedenfalls auch nicht mehr Erfolg versprochen.

53 Kommentare Autor: Richard
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53 Kommentare

  1. @Ranor
    Die Gertsmann-Sache ist sogar schon auf Telepolis angekommen:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26753/1.html

    Und zum Thema Assasins Creed und Spielkritiken möchte ich mal auf Penny Arcade hinweisen:
    http://www.penny-arcade.com/2007/11/14#1195073220
    http://www.penny-arcade.com/2007/11/26#1196144640

  2. Puh, das ist schon undankbar, wenn man am “Tropf” von den Publishern hängt.