Fehlt nur noch Flaschendrehen

Als ich mich am vergangenen Sonntag dank Christophs freundlichem Mitfahrangebot spontan dazu entschied, zur Games Convention 2006 zu fahren, wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde. Immerhin lag mein letzter Besuch einer Spielemesse ganze sechs Jahre zurück; auf die Games Convention hatte ich es bisher nie geschafft, und so richtig verfolgt habe ich sie die letzten Jahre über auch nicht.
Nun, Richard hat es ja bereits in seinem Bericht vorweg genommen: bei der Games Convention handelt es sich überraschender Weise eigentlich nicht um eine echte Spielemesse. Auf einer echten Spielemesse erwarte ich pompös designte Messestände, auf der sich eifrige Entwickler und ominöse Marketingmenschen gemeinsam um die Presseleute streiten und sich über 15jährige Kids ärgern, die es trotz aller Einschränkungen doch irgendwie auf die Messe geschafft haben. Auf einer echten Spielemesse erwarte ich Blasen an den Füßen, Berge an Swag, und Booth Babes um die 27, die auf eine Art und Weise produktbezogen bekleidet sind, die über ein T-Shirt mit Firmenlogo hinaus geht. Oh, und auf einer echten Spielemesse erwarte ich viele aufregende Neuheiten.
Nein, die Games Convention ist eigentlich keine Spielemesse; sie ist ein Festival, eine Riesenparty, eine Zusammenkunft für die spielende Jugend. Und den ganzen Rest. Die Messestände sind auf Zuschauerdichte optimiert; aufwändige Kreationen wie das schaurig pulsierende Activision-Herz, durch das man auf der ECTS ca. 1998 laufen konnte, sucht man vergeblich. Statt Entwicklern, die etwas echt interessantes zu erzählen haben, findet man an fast jedem Stand C-, B- und ganz selten Beinahe-A-Promis, die der versammelten Menge versichern, dass sie ganz dolle Spielefans sind und sich wie irre auf das neue Spiel ihres Auftraggebers freuen. Wenn ein neues Buzz mit das aufregendste ist, was man zu zeigen hat, muss es schon von Ex-Moderator und Weltfrieden-Blogger Nilz Bokelberg präsentiert werden, damit die Kids wissen, warum sie das Spiel brauchen.
Das klingt jetzt alles viel zu negativ. Eigentlich hatte ich Spaß. Sehr viel sogar. Denn wisst ihr was? So ein Spiele-Festival ist ziemlich geil. Ich glaube, auf sowas haben wir lange gewartet, ohne es zu wissen. Denn so bunt und packend ECTS und E3 lange Zeit waren, so wenig echte Neuheiten es auf der Games Convention zu sehen gab — sie schafft es viel souveräner, den Spaß zu transportieren, den man beim Spielen haben soll. Und das ist doch eine gute Sache.
Sie schafft es ebenfalls ganz hervorragend, zu zeigen, dass unser Lieblingshobby nicht nur aus Killerspielen und World of Warcraft besteht. Und dass Spiele nicht nur vom Klischee des pickeligen Nerds gespielt werden, der nie aus seinem Zimmer rauskommt. Einige der jüngeren Besucher haben zum Beispiel aus der Not des Hotelzimmermangels eine Tugend gemacht und den Besuch der Games Convention gleich für einen waschechten Campingtrip genutzt, so richtig mit Lagerfeuer und Kumpels und Bier und so. Wann wart ihr das letzte Mal zelten?
Dieses Klassenfahrt-Feeling ist etwas, was die Games Convention zu mehr macht als einer reinen Produktschau. Als Beinahe-30er fühlte sogar ich alter Drecksack mich auf einmal wieder etwas jünger. Da drücke ich bei den hoffnungslos überfüllten Hallen, den teils peinlichen und ideenarmen Mitgröhl-Moderationen (”Pyramide! Pyramide! Pyramide!”), den für meinen Geschmack viel zu jungen und damit grenzwertig unangenehm ausgewählten Booth Babes und den hoffnungslos überteuerten Essens- und Getränkepreisen beide Augen und mindestens ein Ohr zu.
Ich freue mich auf die Games Convention 2007. Jetzt, wo die GC nach dem leisen Tod der E3 die wohl größte und womöglich wichtigste Spielemesse der Welt ist, gibt’s nächstes Jahr mit Sicherheit sogar ein paar echte Neuheiten zu sehen. Ich werde auf jeden Fall mein Hotelzimmer rechtzeitig buchen. Oder einfach zelten gehen.




