Schmutzig

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Die S-Bahn-Station Rathaus in Ludwigshafen ist interessant. Eigentlich ist es eher eine U-Bahn-Station, weil sie, nun ja, unterirdisch ist. Das ist aber nicht das Interessante daran. Interessant ist ihr Look. Das Ding wurde wohl in den 70er Jahren in den damaligen Modefarben Orange und Fäkalienbraun errichtet und ist anscheinend auch irgendwann damals, schätzungsweise ein paar Jahre vor meiner Geburt, das letzte mal gereinigt worden.

Beispiel: Der Fußboden. Der war wohl mal aus schwarzem Plastik, versehen mit diesen großen, flach-runden Noppen, die damals ebenfalls salonfähig waren. Inzwischen ist er aber flächendeckend mit einer Schicht aus alten, platt gedrückten Kaugummis bedeckt. Der Teil der Wände, welcher nicht mit orange-fäkalienfarbenen Kacheln bedeckt ist, war wohl auch mal orange-fäkalienfarben gestrichen, ist aber inzwischen eigentlich nur noch schwarz. Schwarz gefärbt durch tausende von Edding-schwingenden Leuten, die uns unbedingt wichtige Mitteilung wie “Wer das hier liest ist ein Hurensohn” und “Deine Mutti ist eine Votze” auf den Weg geben wollten. Wenn ich einen davon erwischt hätte, dann hätte ich ihn am Ohr gepackt ihm gesagt “Junger Mann, Fotze schreibt man mit ‘F’.” und ihn die orthografisch korrekte Version des Wortes an der gegenüberliegenden Wand 500 mal üben lassen. Ordnung muss schließlich sein.

Wenn ich eben gesagt habe, dass die Station in den 70er Jahren das letzte Mal gereinigt wurde, dann meine das übrigens durchaus ernst. Da hängt Werbung für eine Zigarettenmarke an der Wand, die es, wenn der Stil der Werbung ein Anzeichen ist, seit mindestens 25 Jahren nicht mehr gibt. („Die neuen Senussi! Tabakmischung jetzt ohne Mittelrippen!“)

Mein erster Eindruck von Ludwigshafen war also, sagen wir mal, suboptimal. Mein Instinkt war in der Tat auch, direkt den Bahnsteig zu wechseln, die S-Bahn in die Gegenrichtung zu nehmen und sofort wieder auf das andere Rheinufer zu flüchten. Aber ich war ein Mann mit einer Mission. Und niemand hält Antigamesmann auf, wenn er eine Mission hat. (Zur Info: Antigamesmann trägt ein orange-grünes Cape mit aufgedrucktem Dinosaurierlogo und seine Spezialfähigkeiten sind “Gamestar dissen” und…äh…das war’s.)

Was war meine Mission? Na, Dark Messiah in der ungeschnittenen Originalversion aufzutreiben. Normalerweise mache ich so was ja per Post. Allerdings muss so eine Originalversion immer eigenhändig angenommen werden. Das führt im Moment zu ein paar Problemen. Problem eins: Ich habe im Moment überhaupt keine Wohnung, in die ich mir ein Paket schicken lassen kann. Problem zwei: Ich kann es mir nicht ins Büro schicken lassen, wie den Rest meiner Post, weil der Kram ja durch die Hauspost der Uni geht und somit eine eigenhändige Annahme auch nicht drin ist. Problem drei: Ich bin kein Student mehr, und somit zur üblichen Postbotenzeit gar nicht mehr zu Hause. Es dürfte schwer sein, ein Paket eigenhändig anzunehmen, wenn man nicht da ist. Probleme eins und zwei sollten sich durch eine neue Wohnung lösen lassen, aber Problem drei dürfte dazu führen, dass man mich bald häufiger bei der Post mit einer Karte in der Hand antreffen wird. Oder wie macht ihr das? Eine Packstation dürfte ja auch nicht gerade als „eigenhändig“ gelten.

Jedenfalls hatte sich die Mannheimer Innenstadt zum Videospielekaufen als ziemlich ungeeignet erwiesen. Der Saturn ist zwar nur 500 Meter von meinem Büro weg, hatte Dark Messiah aber eben nur in der geschnittenen Fassung. Eine längere Recherche führte zu dem Ergebnis, dass es in Mannheim anscheinend, wie in Münster, keinen dedizierten Spieleladen gibt, oder dass sich dieser zumindest sehr gut versteckt hält.

Was mich wiederum nach Ludwigshafen führte. Dort gibt es nämlich ein ebgames und ein kurzer Anruf dort hatte wiederum ergeben, dass sie die ungeschnittene Version von Dark Messiah am Montag bekommen würden. Also warf ich mich nach der Arbeit in die Straßenbahn der Linie 3 und befand mich einige Minuten später in einer Mischung aus 70er Jahre Design-Horror und einem Alptraum von Mr. Proper.

Aber was soll man machen? Wer unzensiert spielen will, der muss halt leiden. Also Augen zu und durch. Die Treppe hoch, durch eine ziemlich miefige Mall gelaufen, wo aus irgendwelchen Gründen ein 20 Meter hoher, schimmliger Bettvorleger an die Wand genagelt war, und schließlich am Ende eines langen Ganges den ebgames gefunden.

Was soll ich sagen? Wenn die U/S-Bahn-Station und das “Rathaus-Center” repräsentativ für die restliche Stadt sind, dann ist das Leben in Ludwigshafen wohl die Hölle und die Verwendung von Putzlappen per Verordnung untersagt, aber der ebgames ist ganz okay. Zum einen riecht er nicht wie ein Pumakäfig, zum anderen ist er doppelt so groß wie der in Münster und außerdem hatten sie Dark Messiah tatsächlich da. Genau zwei Mal, und ein Examplar war schon vorbestellt. Puh.

Der Rest des Ladens ist natürlich immer noch Mist. Jede Menge Gebrauchtspiele zum Vollpreis, ein Haufen Abzockerdeals für Leute, deren IQ nicht ausreicht um die Formulare bei eBay auszufüllen und haufenweise Verarschepackung, die einen ständig zu Fragen verleiten wie “Was, das Desperate Housewives Spiel Medieval II ist schon raus?”, nur um dann akute Enttäuschung zu verbreiten.

Außerdem musste der Verkäufer eine halbe Stunde wirr durch seinen Laden irren, bis er es geschafft hatte, mein Spiel zu finden. Aber was soll’s. Immerhin war er nicht ganz so doof wie der Kunde, der rein kam und eine Laptopmaus kaufen wollte und nicht ganz kapiert hat, dass man bei ebgames nur Spiele bekommt. Ich habe es nicht übers Herz gebracht ihn auf den Saturn aufmerksam zu machen, der genau gegenüber orange-blau leuchtete.

So, und jetzt fragt ihr euch bestimmt, was ich denn nun von Dark Messiah halte? Tja, da muss ich euch auf später vertrösten. Ich bin spät nach Hause gekommen und habe mich mit einem guten Buch ins Bett zurückgezogen. Bis ich das Spiel gespielt habe, solltet ihr aber von Antigamesmanns gestrigen Abenteuern folgende Lektion lernen:

Haltet euch von Ludwigshafen fern. Da ist es schmutzig und die letzte unzensierte Kopie von Dark Messiah habe ich schon eingesackt.

Hope is the beginning of unhappiness

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Schon erstaunlich, was man so alles durchspielt, wenn man gerade nicht hinschaut. Warhammer 40k: Dawn of War zum Beispiel. Wie konnte es dazu kommen? Schuld ist hauptsächlich die Demo zu Company of Heroes, dem aktuellen Spiel vom Dawn of War-Entwickler Relic. Klar, das abgelutschte und irgendwie immer leicht geschmacklose WW2-Szenario macht einem das Spiel auf den ersten Blick nicht gerade schmackhaft, und wenn der Entwickler offen zugibt, dass man sich schämen würde das Spiel einem Veteranen vorzusetzen, aber gleichzeitig einen anheuert um das Spiel zu bewerben, der dann aber wiederum selber offen zugibt, dass er keine Ahnung von dem Spiel hat, dann weiß man, dass es sich dabei nicht wirklich um künstlerisch wertvolle Aufarbeitung von Weltgeschichte handelt. Trotzem, wenn man darüber hinweg schauen kann (und wenn man Videospiele liebt, dann lernt man über so einiges hinweg zu schauen), macht das Ding erstaunlich viel Laune. Hauptgrund: Sie haben es tatsächlich irgendwie geschafft, ein bisschen Strategy in die Real-Time-Strategy zu packen.

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Der Talentierte Mr. Wells

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Ihr kennt H.G. Wells wahrscheinlich als Autor von Science Fiction Klassikern wie “The Invisible Man”, “War of the Worlds” und “The Time Machine”. Aber Wells war ein Mann vieler Talente. So hat er hat bei weitem nicht nur Science Fiction geschrieben, sondern verfasste unter anderem auch Satiren über die Werbebranche und sogar Sachbücher. Sein “The Outline of History” gilt als früher Klassiker der populären Wissenschaftsliteratur und wird heute noch gedruckt. Nebenbei war der Mann auch ein überzeugter Sozialist und talentierter Ehebrecher.

Für uns Videospieler ist aber viel interessanter, dass Wells auch ein Spieledesigner war. 1911 veröffentlichte er ein erstes Buch zu dem Thema, namens “Floor Games”. Das dünne Werk beginnt mit folgender Feststellung:

“The jolliest indoor games for boys and girls demand a floor, and the home that has no floor upon which games may be played falls so far short of happiness.”

Er befürwortet übrigens Linoleum oder Korkfußboden, und zumindest letzteres kann ich auch nur wärmstens empfehlen. Neben seinen spezifischen Anforderungen an Bodenbeläge, beschreibt er in “Floor Games” hauptsächlich welche Art von Spielen er mit Spielzeugsoldaten auf eben so einem Fußboden zusammen mit seinen Söhnen gespielt hat. Das Buch ist überraschend amüsant zu lesen und von offensichtlichem Enthusiasmus geprägt, wer aber spezifische Regeln für ein bestimmtes Spiel sucht, wird enttäuscht werden.

Seinen Titel als “Father of Miniature Wargaming” hat sich H.G. Wells erst zwei Jahre später mit seinem zweiten Werk zum Thema verdient. Das Buch trägt den absolut wunderbaren Titel “Little Wars: a game for boys from twelve years of age to one hundred and fifty and for that more intelligent sort of girl who likes boys’ games and books” und enthält die vollständigen Regeln für ein Strategiespiel mit Miniaturen.

Natürlich hat Wells das Strategiespiel nicht erfunden. Schach ist schließlich auch nichts anderes als ein sehr abstraktes Kriegsspiel mit Miniaturen und es ist so alt, dass sein Ursprung schon lange in den Nebeln der Zeit verschwunden ist. Die Idee realistische Schlachten mit Miniaturen nachzustellen, ist da schon etwas moderner und ihr Entstehen lässt sich auf das Deutschland des späten 18ten Jahrhunderts eingrenzen. 1780 erschien in Braunschweig das erst formale Regelwerk für eine solche Kriegssimulation. Das Werk des Autors Johannes Christian Hellwig basiert auf den Schachregeln und gilt als wenig erfolgreich. Wie viele seiner Nachfolger war es übermäßig komplex und von vielen Regelwidersprüchen geplagt.

Größerer Erfolg war 1824 dem preußischen Leutnant Georg Heinrich Rudolf Johann von Reißwitz mit seinem Buch “Anleitung zur Darstellung militärischer Manöver mit dem Apparat des Kriegsspiel” beschert. Sein Spiel war eine Weiterentwicklung eines von seinem Vater erschaffenen Regelwerkes und zur Offizierfortbildung gedacht. Tatsächlich wurde es wenig später Pflicht in der militärischen Ausbildung jedes preußischen Offiziers. Sein Werk wurde unter dem Namen “Kriegsspiel“ international bekannt und dürfte auch das erste gewesen sein, für das es die heute so beliebten Regelerweiterungen gab, auch wenn diese damals eher dazu gedacht waren neuere Entwicklungen in der Kriegsführung abzubilden und weniger um dem Kunden mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Bedeutung des “Kriegsspiels” kann nicht unterschätzt werden, und Wells selbst fügte einer späteren Ausgabe seines “Little Wars” einen Anhang bei, in dem er darauf einging.

Auch wenn Wells somit nicht als Erfinder der Miniaturenspiele gelten kann, so war er doch wohl der erste, der Regeln veröffentlichte die einfach nur zur Unterhaltung gedacht waren. Hatte das Kriegsspiel einen eher simulationslastigen und ernsthaften Charakter, so war “Little Wars” etwas, das Wells entwickelte um mit seinen Söhnen Spaß zu haben.

Was an Wells’ Spiel erstaunt, ist wie nah es an modernen Spielen seiner Art ist. Wer Warhammer oder Battletech gespielt hat, wird überrascht sein wie viele Parallelen man beim Lesen des Buches entdeckt. So gibt es z.B. eine Zugs- und eine Angriffsphase, eine Art Punktesystem um ungleiche aber gleichwertige Armeen zu bauen und wie jede gute Anleitung bietet “Little Wars” ein Beispielszenario namens “The Battle of Hook’s Farm” sowie optionale Regelerweiterungen.

Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass “Little Wars” so gut wie keinen Wert auf das Würfelglück legt. Wer bei Wells’ Spiel also seine Sammlung bunter Oktaeder, Dodekaeder oder Ikosaeder einsetzen will, der dürfte enttäuscht werden. Andererseits gibt es im Moment eine starke Tendenz zu würfellosen Spielen, wie z.B. bei der “Clix”-Reihe von Wizkids Games. Insofern kann man dem talentierten Mr. Wells auch in diesem Bereich eine große Voraussicht unterstellen.

Wenn ihr also das nächste mal ein Videospiel mit hanebüchenem Zeitreiseplot spielt, dann gedenkt nicht nur Wells’ Beitrag zur Literatur des 20ten Jahrhunderts, sondern auch seinen Leistungen als Spieledesigner.

Sowohl “Floor Games” als auch “Little Wars” sind übrigens umsonst als E-Text (1, 2) über das Project Gutenberg zu haben, aber auch eine gedruckte Form ist verfügbar. Viel Spaß beim Spielen!