Hitman, Puccini und die dunklen Ecken deiner Seele

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Hitman. Wie geht man eigentlich mit so einem Spiel um? Eigentlich kann die Serie ja jedem Verbotspolitiker als Paradebeispiel für all die schrecklichen Killerspiele dienen, denn Töten ist in Hitman das eindeutig festgelegte Spielziel. Der Hitman (und somit der Spieler) hat schließlich die Aufgabe Menschen zu töten. Das ist sein Job. Er setzt seinen Opfern dabei tödliche Spritzen, ersticht und erdrosselt sie, wirft sie vom Balkon oder schießt ihnen einen Kugel in den Kopf, mal aus der Ferne mit Hilfe eines Scharfschützengewehrs, mal aus der Nähe mit einer schallgedämpften Pistole. Er tut dies für schnödes Geld. Keine Selbstverteidigung, keine Rettung der Welt, keine Zweifel, keine Reue. Einfach solange die Kehle zuschnüren, bis das Opfer aufhört zu zappeln und die Sache ist erledigt. Für den Hitman ist das ein ganz normaler Tag im Büro.

Klarer Fall eigentlich. Auch ich, als erklärter Kritiker der gewaltbesessenen Videospielbranche, sollte also eigentlich kräftig gegen die Serie wettern. Aber trotzdem…

Irgendwie ist Hitman nämlich gar nicht so, wie die üblichen Schieß- und Schlitzspiele, denn es verfügt über ein erstaunlich großes Maß an Eleganz, sowohl im Hinblick auf die Präsentation als auch auf das Gameplay. Hitman ist kein Actionspiel. Das Tempo ist gemäßigt, das Vorgehen des Spielers stets wohlüberlegt. Die einzelnen Missionen bieten viele Möglichkeiten den Auftrag sowohl zu erfüllen als auch scheitern zu lassen und ein sauber ausgeführter Hit erfordert oft wesentlich mehr Hirnschmalz als die ganzen blöden Objektkombinationsrätsel in dem, was sich heute so Adventure schimpft. Wer auf plumpes Ballern steht, wird an Hitman wenig Freude finden. Wer es liebt, wenn ein komplexer Plan funktioniert, schon viel eher. Auch die edle Inszenierung hält da mit. Hitman ist sehr vornehm und zurückhaltend präsentiert. Orte wie Opernhäuser, Raddampfer oder Weinplantagen sind einfach nicht die üblichen Schauplätze von Videospielen. Ich wette die meisten Spieleentwickler haben in ihrem Leben noch kein Oper gehört, aber die Jungs von IO Interactive setzen im dritten Level eine Probe von Tosca in Szene. Das betrachtet man gerne als Wiedergutmachung für fünftausend Spiele voller billigem Lizenzhiphop. Gerade mir, als erklärtem Fan von Puccini, geht da schon ein bisschen das Herz auf.

Keine Frage, Hitman hat tatsächlich eine ordentliche Portion Stil und Klasse. Nicht nur verglichen mit stumpfer Ballerkacke wie Quake 4 oder reaktionärer Militärwerbung wie Ghost Recon, sondern auch ganz für sich allein betrachtet. Nur kommt man dann halt doch irgendwann wieder an den Punkt, wo man sich an sein Opfer anschleicht, die Kaliumchlorid-Spritze zückt und sich überlegt ob man das wirklich tun möchte.

IO Interactive will einem die Antwort auf diese Frage so einfach wie möglich machen und so sind die potentiellen Opfer immer irgendwelche Drogenbarone, Menschenhändler oder andere Berufsverbrecher und Schlechtmenschen, die selber keine Probleme mit so etwas hätten und es auch gerne mal spontan praktizieren. Eigentlich gibt es auch nur eine Antwort auf diese Frage, schließlich kann man den aktuellen Level nur beenden, wenn man die Zielpersonen tötet. Hitman bietet viele spielerische Freiheiten, aber die Wahl ob man tötet oder nicht, verweigert einem das Spiel. Höchstens wie und wie viel getötet wird, darf man selbst entscheiden.

Also drückt man ab. Schließlich ist eine Deinstallation die einzige echte Alternative dazu. Wer gerade 50€ für das Spiel auf den Tisch gelegt hat, wird sich dafür bestimmt nicht entscheiden, auch wenn er in dem Moment vielleicht nicht mehr ganz sicher ist, ob ein anderes Spiel nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre.

Dennoch, muss man wirklich ein schlechtes Gewissen haben? Schließlich geht von der Figur eines professionellen Killers einfach eine gewisse Faszination aus. Wer die leugnet, lügt. Wir alle haben uns schon beim Schauen von Filmen wie “Day of the Jackal” dabei erwischt, dass sich ein Teil von uns wünschte, der Killer wäre erfolgreich. Viele berühmte Filmhelden sind schlussendlich oft nichts anderes als glorifizierte Berufskiller. Oder glaubt ihr etwa, James Bonds Lizenz zum Töten wäre eine Selbstverteidigungsmaßnahme?

Wo liegt die Quelle dieser Faszination? Wünschen wir uns manchmal einfach eine weniger komplexe Gefühlswelt? Ein Leben ohne Reue und Zweifel kann manchmal ganz verlockend klingen. Bewundern wir vielleicht die Perfektion und Zielorientiertheit solcher Killerfiguren? So gradlinig wie der Hitman lebt sicher keiner von uns sein Leben. Kommen da einfach unsere niederen Instinkte hoch? Bei so manch bestialischem Verbrechen hat sich sicher der eine oder andere von uns mal kurzfristig gewünscht, dem Täter einfach eine Kugel in den Kopf jagen zu können.

Am Ende wissen wir natürlich alle, dass die Welt eben komplex ist und ein Leben ohne Reue eine ziemlich traurige Existenz wäre. Uns ist klar, dass im Zickzack zu leben eben doch interessanter ist als ein Dasein auf Scheuklappenkurs. Und wenn der erste Schock erstmal verdaut ist, dann ziehen wir eben doch ein rechtstaatliches Verfahren der Selbstjustiz vor.

Dennoch, diese Gefühle und Gedanken sind da. Deswegen nutzen wir Kunst und Unterhaltung um diese zu erforschen. Bücher und Filme helfen uns dabei herauszufinden, was wir wirklich denken und fühlen. Am Ende merken wir halt, dass wir doch ganz froh sind, wenn der Schakal gescheitert ist. Videospiele erlauben es uns sogar noch viel besser die dunkleren Ecken unserer Seelen auszuleuchten, als passive Medien wie Film und Literatur. Schließlich schaue ich in einem Videospiel so einem Charakter nicht bloß bei der Arbeit zu, nein, ich bin dieser Charakter. Ich muss nicht die Handlungen einer anderen Person extern bewerten, ich muss über meine eigenen Handlungen reflektieren. Wenn es mir am Ende einer Mission etwas schwer fällt, einen Drogenbaron zu töten, dann stumpft mich das nicht ab, sondern mir wird wieder klar dass ich so was in der realen Welt eben nicht gut heißen würde.

Wie bewusst wir das tun, spielt dabei keine Rolle. Ich vermute IO Interactive hat sich solche Gedanken gar nicht gemacht. Dennoch ist Hitman sicher aus genau so einer Faszination entstanden. Was wäre wenn? IO hat ein Spiel gemacht das diese Frage beantwortet, weil sie ihnen selber auf der Seele brannte. Wir kaufen Hitman also nicht, weil wir gerne virtuell töten, sondern weil auch wir gerne die Antwort wissen würden. Egal, was wir vordergründig als Kaufgrund sehen oder angeben.

Müssen wir also ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir Hitman spielen? Nein, müssen wir nicht.

Zumindest nicht, solange wir dabei noch ein schlechtes Gewissen haben.

67 Kommentare Autor: Richard
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