Archiv für Schlagwort: Presse

Die runden Ecken sind ganz nett.

Seit Anfang der Woche könnt Ihr das neue gamestar.de bestaunen. Was es alles neues gibt, führt Christian in diesem “Special Report” auf.

Dass wir hier alle keine Dauerbesucher auf gamestar.de sind, dürfte niemanden überraschen; aber zumindest auf technischer Ebene war sie in meinen Augen immer noch ein Positiv-Beispiel unter den deutschen Spielesites. Während die Entwickler-Teams fast aller anderen deutschsprachigen Spielemagazine immer noch auf die Amazon-Lieferung ihrer ersten CSS-Bücher zu warten schienen, bewegte sich gamestar.de in zumindest halbwegs modernen Gefilden. Dazu ein verhältnismäßig sauberes, beinahe erwachsenes Design, das sogar mit nervigen Flash-Popups nicht ansatzweise so nervig rüber kam wie die grauenvollen Tabellenorgien der Konkurrenz.

Aber das ist jetzt alles anders. Bei IDG muss man zielgerichtet überlegt haben, wie man die Site bewusst schlechter machen kann — anders kann ich mir das nicht erklären. Hier die meiner Meinung nach schlimmsten Verbrechen an Augen und Hirn des Besuchers:

Die neue Version der Site ist geradezu irrwitzig überladen. Dass man auf der Startseite von Bergen an Kästchen und Tabellen erschlagen wird, sollte man ja von (deutschen) Spielesites beinahe schon gewöhnt sein, und irgendwie passt es ja auch zu den Spielekomponentenanalyserechtecken im Heft. Richtig schlimm wird es aber auf Unterseiten, wo die aufgerufene Information nicht selten von so viel Kästchen und Tabellen bedrängt wird, dass man ihr am liebsten eine Tränengas-Dose zur Selbstverteidigung in die Hand drücken möchte.

Zu allem Überfluss präsentieren besagte Kästchen und Tabellen oft auch noch völlig irrelevante Informationen, wie z.B. die letzten Begriffe, nach denen von anderen Usern gesucht wurden (wow!), oder vollkommen zusammenhangslos präsentierte Tag Clouds (“Spiele Termin Ubisoft USK Verkauf Video”, yeah).

Und wenn ich etwas hasse, dann gut sichtbare Faulheit. Auf (deutschen) Spielesites macht sich das oft in Form vorzeitig abgehackter Teaser-Texte bemerkbar. Da stehen dann so Sachen wie “Jetzt neu: tolle Sc…”. Und vom User wird erwartet, dass er drauf klickt, um mehr zu erfahren. Ne, sowas geht auch intelligenter, Leute.

Ich könnte jetzt noch total viel über eine wirklich mies wirkende technische Umsetzung, bergeweise fehlerhafte Seiten, kaputte RSS-Feeds, Sicherheitslöcher, die sagenhaft schreckliche neue Navigation und noch so einiges andere lamentieren, aber das erspare ich euch. Lasst mich stattdessen ein wenig über die unfreiwillig komische “2.0ifizierung” der Site meckern. Denn… neben besagten Tag Clouds gibt es jetzt auch eine Blog-Funktion für die User. Oh mein Gott! Blogs!

Blogs!

Bei IDG muss jemand eines Tages also gesagt haben: “Scheiße! Da draußen ist gerade was ganz groß im Kommen!” — “Oh, was denn?” — “Diese ‘Weblogs’!” — “Stimmt, stand auch in der letzten Tomorrow!” — “Und beim DLD sagten sie ja auch, User Generated Content sei jetzt total angesagt!” — “Richtig!” — “Wir brauchen Blogs, Blogs, Blogs! Was gibt’s noch aus der Ecke?” — “…Tag Clouds?” — “Und Tag Clouds!”

Da ist also dieser Verlag, der eigentlich über die nötigen Ressourcen verfügen sollte, um etwas richtig wunderbar Cooles und Neues zu bauen. Seit Monaten (Jahren?) siechen ihm die Print-Leser davon, also überlegt er sehr, sehr ausgiebig, wie er sein Online-Angebot ausbauen und für die düstere Zukunft rüsten kann — möglicherweise hängt davon ja die Rettung des eigenen Hinterns ab — und das ist das beste, was den Jungs einfällt?

srsly.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass mir durchaus bewusst ist (nicht zuletzt aus eigener Erfahrung), dass gerade Projekte dieser Größenordnung am Ende nicht immer so rauskommen, wie sie ursprünglich geplant waren. Wenn nur noch auf Basis vermutlich busgroßer Pflichtenhefte entwickelt wird, gehen hier und da schnell die feineren Punkte verloren. Ich bin mir (trotz des angenehmen Kribbelns in meinem Bauch, wenn ich es mir vorstelle) sicher, dass weder bei IDG noch bei den beteiligten Agenturen nbsp und Studio Balboa Leute sitzen, die das Medium Web einfach grundlegend missverstehen.

Was ist also passiert?

Update: bevor ihr mich beschimpft, lest bitte noch das hier. Danke!

40 Kommentare Autor: Hendrik
Tags: , ,
Gamehunt 2

manhunt2.jpg

Consider for one moment that in Manhunt 2 you can, Wii remote and nunchuk in hands, use a pair of pliers to clamp onto an enemy’s testicles and literally tear them from his body in a bloody display; and if that weren’t enough, you’ll take one of the poor victim’s vertebrae along with his manhood.

So beschreibt IGN Manhunt 2. Charmantes kleines Spiel. Kein Wunder, dass einige Leute sich ein bisschen daran reiben. Zum Beispiel die britische BBFC (so in etwa eine kombinierte USK/BPJM), die Folgendes zu dem Spiel zu sagen hatte:

Manhunt 2 is distinguishable from recent high-end video games by its unremitting bleakness and callousness of tone in an overall game context which constantly encourages visceral killing with exceptionally little alleviation or distancing. There is sustained and cumulative casual sadism in the way in which these killings are committed, and encouraged, in the game.

Konsequenz: Das Spiel darf auf der Insel nicht verkauft werden. Nun ist die BBFC kein schrecklich zensierwütiger Verein, was Videospiele betrifft. Das letzte Spiel dem sie eine “ab 18″ Wertung verweigert haben, war Carmageddon im Jahre 1997. Selbst das erste Manhunt (was schon ziemlich fies war) wurde noch “ab 18″ durchgewunken. Hierzulande ist das Spiel beschlagnahmt worden.

Auch in Amerika, dem Land in dem Brüste böse sind, Gewalt aber gut für die Umwelt ist, hat sich Manhunt 2 von der ESRB ein AO-Rating eingefangen, was einem Verkauf in den meisten großen Läden ausschließt.

Aber zum Verkauf wird es sowieso nicht kommen. Sony und Nintendo lassen nämlich keine AO-Spiele auf ihre Systeme. Solchen Spielen wird schlichtweg die Lizenz verweigert. Somit hat Rockstar gerade ein komplett unverkäufliches Spiel gemacht, denn die Zielplattformen sind PS2 und Wii.

Oops. Dumm gelaufen, Jungs. Dementsprechend überrascht ist man bei Rockstar:

This is completely unexpected to the whole team. We love the horror genre. We thought we could do something interesting and entertaining with it in the video game medium. When we had this first Manhunt game, there wasn’t this reaction. We thought (Manhunt 2) was consistent with a mature rating.

Echt? Eier-Abschneiden ist ein M-Rating? Der Witz ist, dass sie wohl ernsthaft geglaubt haben, sie kämen damit durch. Gerade die ESRB steht ja schon lange in der Kritik keine (sorry) Eier zu haben. So mussten die Spielehersteller bis vor kurzem nur ein Video von dem Schlimmsten was ihr Spiel zu bieten hat abgeben. Gespielt hat die Spiele da wohl keiner. Genauso wenig wurde kontrolliert, ob das Video wirklich die schlimmsten Momente enthalten hat.

Bisher gab es überhaupt nur 24 AO-Ratings, wobei davon jedes wegen Sex, nicht wegen Gewalt abgestraft wurde. Prominentestes Beispiel ist Fahrenheit gewesen, dessen unglaublich harmlose Sexszene in den USA aus dem Spiel gestrichen werden musste, bevor es mit einem M-Rating unter dem seltsamen Namen “Indigo Prophecy” auf den Markt durfte. Die restlichen Spiele auf der Liste gehen vom Playboy-Spiel bis hin zu japanischen Hentai-Dating-Sims. Gewalt, egal wie schlimm, war immer M.

Deswegen fühlte man sich bei Take 2 und Rockstar wohl sicher. Dummerweise hat aber zumindest eine Person bei der ESRB noch nicht die Eier abgeschnitten bekommen und einen Hauch gesundem Menschenverstand oder zumindest politischem Geschick bewiesen. Der Präsidentschaftswahlkampf läuft schon. Ein M für Manhunt 2 wäre ein sehr saftiges Ziel gewesen.

Das wird eine teure Fehleinschätzung für Take 2. Denen geht es ja schon lange nicht sonderlich gut. Manhunt 2 gar nicht zu verkaufen, dürfte aus offensichtlichen Gründen nicht in die Tüte kommen. Also wird man die Bewertung anfechten. Das wird scheitern, allein schon weil die ESRB dann wie Idioten aussehen würden. Schlußfolgerung: Sie müssen einiges an Gewalt aus dem Spiel streichen. Das von der Spielepresse so begeistert gefeierte Abschneiden von Gegner-Hoden dürfte damit vom Tisch sein.

So gerne man bei Take 2 das große Presseecho sehen mag, die Zusatzkosten durch die Änderung des Spiels dürften die zusätzlichen Verkäufe wieder aufwiegen. Michael Pachter erwartet 50% niedrigere Einnahmen durch das Spiel und der Aktienkurs fiel.

Hierzulande dürfte das Spiel allerdings auch ohne Gemächt-Entfernung von der USK direkt an die BPJM weitergereicht werden. An Antragsstellern wird es nicht mangeln. Wenn doch, mache ich es gerne selbst.

Am Ende bleibt für mich nur die Frage, warum Rockstar überhaupt so ein Spiel macht. Natürlich habe ich es nicht gespielt, aber die atemlos-begeisterten Beschreibungen der Presse (die natürlich wie immer nahezu völlig jedes Maß an kritischem Denkvermögen vermissen lassen) sorgen bei mir aber nicht gerade für ein großes Bedürfnis es zu tun. Meine kurze Zeit mit Manhunt 1 war irgendwie genug Manhunt für die nächsten 30 Jahre.

Ist es einfach die zynische Einschätzung, dass sich kontroverse Sachen gut verkaufen? So ein großer Hit war Manhunt 1 ja nun auch nicht. Die Tatsache, dass man das Spiel nur für PS2 und Wii entwickelt hat, deutet aber schon auf einen Versuch hin, hier einfach schnell und hastig ein bisschen Kohle vom Baum zu schütteln, die Take 2 gerade dringend braucht. Wenn man in Manhunt einen echten Franchise sehen würde, hätte es den ersten Teil nicht nur früher sondern auch für die 360 gegeben.

Vielleicht sieht man sich bei Rockstar aber auch einfach als, nun ja, Rockstars? Als Gruppe von Rebellen, die es dem Man™ mal so richtig zeigt? Wenn ja, wäre das mal ein ganz großer Fall von akuter Selbsttäuschung. Was meint ihr? Seht ihr einen Grund Manhunt 2 doch ab 18 zu bewerten? Warum machen die überhaupt solche Spiele? Ich bin da etwas ratlos.

90 Kommentare Autor: Richard
Tags: , , , ,
Jetzt im Handel (außer im Handel)

playvanilla.jpg

Liebe Leute von Play Vanilla, auf eurer Webseite steht “Jetzt im Handel”. In eurer Fernsehwerbung auf MTV heisst es sogar noch eine Stufe euphorischer “Jetzt überall im Handel!”.

Das kann ich so nicht bestätigen.

Beim Kiosk um die Ecke gibt es das Heft zum Beispiel nicht. Bei Kaufhof übrigens auch nicht. Beim Supermarkt? Fehlanzeige. Und ja, ich habe auch bei den Frauenzeitschriften geschaut. Selbst direkt neben der Joy, die ihr ja als Probelaufsträgermedium genutzt habt, war eure Zeitschrift nicht zu finden. Auch im Drogeriemarkt, der bei weitem die größte Auswahl an Frauenzeitschriften zu bieten hat, war das Heft nicht aufzutreiben. Also bin ich zum Bahnhof gelaufen. Da findet man ja immer alles. (Und ich meine alles, wenn ihr wisst was ich meine.)

Ergebnis? Ich habe mal wieder zu viel Geld für eine Ausgabe von Top Gear auf den Tisch gelegt und ich habe herausgefunden, dass im Keller vom Bahnhof jetzt große Plastikdinosaurier stehen. Eine Play Vanilla hingegen war nicht aufzutreiben. In keinem der beiden Zeitschriftenläden. Selbst die Dinosaurier konnten mir da nicht weiterhelfen.

Irgendwas habt ihr da missverstanden, liebe Vanillanauten. Entweder “jetzt” oder “überall” oder möglicherweise “Handel”. “Jetzt überall im Handel” heisst im normalen Sprachgebrauch nicht “wir haben mal drei Stück gedruckt und schauen ob jemand bei uns vorbei schaut und die Dinger will”.

Ich würde euer Heft echt ganz gerne mal lesen. Schlechter als die PC Action kann es auch nicht sein. Aber so wird das nichts.

110 Kommentare Autor: Richard
Tags: , ,
Rule of Politics

ror.jpg

Es war einmal ein wenig beachtetes Horrorspiel namens Rule of Rose. In diesem Spiel geht es einmal nicht um Zombies oder Dämonen, sondern um kindliche Unschuld und ein verschobenes Verständnis von Gut und Böse. Wie Director Shuji Ishikawa und Sonys Assistant Producer Yuya Takayama in diesem Interview bereitwillig zugeben, ist das Szenario bewusst verstörend gestaltet worden, insbesondere durch die sadistischen und pädoerotischen Untertöne. Ich gebe zu, auch mir waren die Trailer zu Rule of Rose nicht ganz geheuer. Zwar gibt es darin nichts wirklich Schlimmes oder Anstössiges zu sehen, aber die Fantasie des Betrachters wird schon in ungeliebte Bahnen gelenkt. Zugegeben, das sagt mehr über mich als über das Spiel aus, aber Rule of Rose ist ganz offensichtlich nicht für jedermann.

Dieser Meinung war übrigens auch die amerikanische Prüfstelle ESRB, und hat dem Spiel aufgrund von “Blood, Intense Violence, Suggestive Themes” die Einstufung M, also 17+, gegeben. Nichts Dramatisches also, ein gutes Weihnachtsgeschenk für die lieben Kleinen ist es aber natürlich auch nicht. Rule of Rose ist daher folgerichtig ohne grossen Rummel in den Staaten erschienen, und hat eher durch sein misslungenes Kampfsystem als durch anzügliche Inhalte auf sich aufmerksam gemacht. Ganz im Gegenteil, etliche Kritiker haben sich äusserst wohlwollend über Story und Atmosphäre des Spiels ausgelassen, und loben die erfrischend klischeearme Spielwelt.

Letzten Freitag hätte Rule of Rose nach etlichen Verspätungen endlich in England erscheinen sollen. Ganz unspektakulär im Vertrieb bei 505 Games, dem neuen Spezialisten für japanische Spieleperlen, die sonst keiner haben will. Die Pan-European Game Information hatte bereits ihren Segen (16+) erteilt, und eigentlich stand einer problemlosen Veröffentlichung nichts mehr im Wege. Dann allerdings hat die englische “Fachpresse”, soll heissen The Daily Mail und The Times, Wind von Rule of Rose bekommen und offenbar auf allerfeinstem Bild-Niveau über das Spiel berichtet. Es kam, wie es immer kommt. Ein paar profilierungssüchtige Politiker, darunter der Bürgermeister von Rom (nanu?), nahmen die gedruckten Halbwahrheiten für bare Münze und forderten öffentlich ein Verbot des Spiels, das man wegen seiner “obszönen Grausamkeit und Brutalität” offenbar niemandem zumuten kann. Resultat: um weitere schlechte Presse zu vermeiden, hat sich 505 Games “im Dialog mit seinen Vertriebspartnern” in letzter Sekunde dazu entschlossen, Rule of Rose nicht im Vereinigten Königreich zu veröffentlichen. Verständlicherweise haben sowohl PEGI als auch der britische Video Standards Council nicht gerade erfreut auf die Berichterstattung der yellow press reagiert.

Das Ganze erinnert irgendwie an den Fall von Canis Canem Edit née Bully, das lange vor seiner Veröffentlichung von zahlreichen Weltverbesserern und Meinungsmachern gescholten wurde, obwohl sich die meisten Horrormeldungen später als glatte Lügen oder zumindest masslose Übertreibungen herausstellten. Als Folge nahm die grösste Handelskette Englands das Spiel aus “moralischen Bedenken” nicht in ihr Programm auf, obwohl etwa die tatsächlich gewalttätigen Grand Theft Autos weiter in den Regalen stehen. Auch dieses Bücken vor der vermeintlichen Stimme des Volkes, selbst wenn sie nur Unsinn absondert, ist eine Form des Populismus, und zutiefst bedenklich. Wenn Revolverblätter wie üblich schlechter recherchieren als mancher Blog, dann adelt das zwar Seiten wie diese, aber so richtig glücklich bin ich darüber trotzdem nicht.

Das Gute ist, uns Deutsche braucht das ausnahmsweise mal nicht zu jucken. Zwar führen nur wenige Händler die Spiele von 505 Games (darunter Play.com, die Rule of Rose jetzt nicht mehr anbieten), aber die Abenteuerlustigen unter uns werden sicherlich einen Weg finden. Auch die BPjM wird in diesem Fall die Füsse still halten, immerhin hat die USK ihr Placet (keine Jugendfreigabe) schon vergeben. Ob auf der Packung jetzt wohl “banned in the UK” steht?

49 Kommentare Autor: Stefan
Tags: , , , ,
Es geht auch anders

zdf.jpg

Ich habe heute leider keine Zeit, was Aufwändiges zu schreiben, möchte aber gerne auf den gestrigen Beitrag im Heute Journal zur “Killerspiel”-Debatte hinweisen. Sachlich, nicht frei von Kritik, aber mit der ganz klaren Aussage, dass Spiele ganz sicher nichts mit irgendwelchen Amokläufen zu tun haben. Journalismus quasi. Schön, dass es heutzutage so was noch gibt.

Gestern sind ja auch noch diverse Zeitungsartikel aufgetaucht, welche den gleichen Effekt kritisiert haben, nämlich die absolut reflexartigen Verbotsinstinkte diverser Politiker, die einen Sündenbock gefunden hatten, bevor überhaupt klar war, was in der Schule genau passiert war, von der Vorgeschichte des Täters ganz zu schweigen.

Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung auf eine sachliche Diskussion zum Thema. Das würde natürlich auch den Willen zur Selbstreflektion auf Seiten der Spieler verlangen. Schaut mal bitte nach, ob ihr so was bei euch finden könnt. Ja, Spiele können schädlich sein. Wer mal mehr WoW gespielt hat, als es seinem Sozialleben oder seiner Ausbildung dienlich war, der wird das eingestehen müssen.

Außerdem kann man in dem Beitrag von Heute Journal prima sehen, dass sich Gamestar-Redakteure nicht mal fürs Fernsehen die Haare waschen. Für den Unterhaltungsfaktor ist also auch gesorgt.

35 Kommentare Autor: Richard
Tags: ,
Das hat nicht lange gedauert

verboten.jpg

Heute Morgen aufgestanden, den Fernseher angemacht und was sehe ich? Bilder von Counter-Strike. Das ZDF-Morgenmagazin befragt einen Professor einer Polizeischule, ob denn Computerspiele für Emsdetten verantwortlich seien.

Ich mache mir einen Tee. Das wird ein harter Tag werden.

Dann die Überraschung. Der Professor sagt nicht “ja”, er sagt so was wie “starker Konsum von gewalttätigen Videospielen kann ein Symptom sein, ist aber nicht die Ursache”. Nanu? Ein intelligenter Mensch, der mit der Frage reflektiert umgehen kann? Na, der wird in Zukunft sicher nicht mehr fürs Fernsehen interviewt werden. Aber gut, immerhin ist er heute irgendwie durchs Netz gerutscht.

Als nächstes ist irgendjemand von irgendeinem Lehrerverband dran. Sein bayerischer Akzent macht ihn erstmal verdächtig, ein CSU-Wähler zu sein, aber auch er macht Spiele nicht pauschal für den Untergang der westlichen Kultur, sondern beklagt eine Kultur des Wegschauens. Nanu?

Hat sich vielleicht etwas verändert? Ist ein Ruck durch unsere Gesellschaft gegangen? Hat das wiederholte Auftreten des Problems vielleicht zu der Erkenntnis geführt, dass es doch nicht allein an Videospielen liegen kann?

Ach was. Ein Blick auf n-tv.de zeigt, dass die Lage nicht anders ist als zuvor. Die Überschrift der Titelstory lautet “Killerspiele sind schuld?”. Wohl gemerkt, sie laut nicht “Sind Killerspiele schuld?”, wie die Frage grammatikalisch korrekt formuliert wäre, nein, sie lautet “Killerspiele sind schuld?”. Ein Aussagesatz. Qualifiziert mit einem Fragezeichen.

Der alte Trick halt, wenn man etwas sagen will von dem aber weiß dass es nicht stimmt, oder dessen Wahrheit man zumindest nicht belegen kann. Man sagt es einfach trotzdem. Dann ein kleines Fragezeichen dahinter, damit sich keiner beim Presserat beschweren kann, und fertig ist der Schmierenjournalismus.

Die Überschrift der Tageschau ist nicht viel besser: “Durch Computerspiel zum Amokläufer?”. Schon faszinierend wie aus dem riesigen Feld von denkbaren Problemen und Ursachen gerade die Spiele es immer wieder in die Überschriften schaffen. Immerhin schafft das ZDF mit “Politiker streiten um Verbot von ‘Killerspielen’” eine neutrale und inhaltliche korrekte Überschrift. “Killerspiele” ist sogar in Anführungszeichen gesetzt.

Dann aber die übliche Litanei. “Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, zieht das Verbot von Killerspielen in Betracht.”, “Ähnlich äußerte sich Vize-Vorsitzende der Unionsfraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), und forderte, dass der Gesetzgeber endlich handelt.” und “Auch Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) verlangte, dass gegen Spiele, die Gewalt verherrlichen, konsequent vorgegangen wird.”

Es gibt auch vorsichtige Stimmen, zum Beispiel von den Grünen, aber es besteht kein Zweifel daran, dass jetzt die üblichen Verdächtigen wieder aus ihren Höhlen kriechen und gnadenlos Stammtischparolen feuern werden. Haltet euch fest, die nächsten Wochen werden hart.

Ich habe gestern Abend übrigens noch mit meiner Mutter über das Thema gesprochen. Ihr Kommentar dazu war, dass ich es mir nicht zu sehr zu Herzen nehmen sollte, denn damals zu ihrer Zeit wäre immer die “Negermusik” für alles Unglück dieser Welt verantwortlich gemacht worden.

Der Begriff ist für mich sehr erhellend, denn er wirft ein eindeutiges Bild auf die Denkstrukturen von Menschen, die immer auf der Suche nach einem einfachen Sündenbock sind, egal was die aktuellen Probleme oder ihre Ursachen gerade sein mögen. Ob “Negermusik” oder “Killerspiele”, für solche Leute gibt es da keinen Unterschied. Hauptsache man kann jemand anderes verachten, dann fühlt man sich selber nicht mehr so schlecht.

Das Problem ist natürlich, dass diese Sündenbocksuche schlichtweg gefährlich ist. Sie dient zwei Zwecken. Zum einen erlaubt sie es Politikern den Anschein zu erwecken, sie würden etwas tun. Zum anderen erlaubt es den Medien natürlich prima Quote zu machen bzw. Leser zu bekommen. Eine Hand wäscht die andere.

Diese beiden Zwecke werden auch ganz vorzüglich erfüllt. Dabei gibt es nur einen Haken: die eigentlichen Probleme werden nicht angegangen. Also gibt es wenig später (Überraschung!) wieder einen Vorfall. Warum? Weil alle zu sehr damit beschäftigt waren, Wählerstimmen und Einschaltquoten zu generieren, um sich damit darum kümmern zu können, weitere Vorfälle zu verhindern.

Die Debatte zeichnet im Übrigen auch ein trauriges Bild unserer Gesellschaft, weil es nicht nur eine Unfähigkeit zeigt, sich mit unseren Problemen kritisch und differenziert auseinanderzusetzen, nein, es zeigt vor allem eine Unwilligkeit das zu tun.

Wir wollen die Probleme gar nicht angehen. Mit den vielschichtigen sozialen Gründen die Leute zu solchen Taten treiben, wollen wir nichts zu tun haben. Wir wollen nichts davon hören, wir wollen nicht darüber nachdenken und vor allem wollen wir nichts dagegen tun. Denn etwas dagegen zu tun, das hieße ja Veränderung. Und Veränderung ist schlecht, da müsste man sich ja bewegen.

Also: Videospiele. Ein bisschen Brimborium, ein paar Verbote (“tut ja keinem weh”) und alle schlafen wieder ruhig.

Wir sehen uns in zwei Jahren beim nächsten Amoklauf. Egal was am “Jugendschutz” geändert wurde, es wird sich nichts geändert haben. Vielleicht merken die Leute ja dann, dass es vielleicht doch nicht alleine an den Videospielen gelegen hat.

Oder auch nicht.

Irgendwann wird es sich natürlich ändern. Spätestens dann, wenn unsere Generation alt genug ist, um sich in verantwortliche Positionen in der Politik und den Medien hochgearbeitet zu haben. Dann wird die Debatte um Videospiele vorbei sein, denn dann tut es jemandem weh. Bleibt nur eine Frage:

Was wird in 30 Jahren unsere “Negermusik” sein?

Denn eins ist sicher: je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich. Davor werden auch wir nicht gefeit sein.

143 Kommentare Autor: Richard
Tags: , , , ,
Huh?

Weiß jemand mehr?

21 Kommentare Autor: Hendrik
Tags:
Unter Druck

Die Spiele-Print-IVW-Zahlen für das 3. Quartal 2006 sind raus, und sie sehen erwartungsgemäßg mies aus. Ach, was red ich da, sie sind eine Katastrophe. Kennt ihr die letzte Szene aus “The Day After”? Ja, genau so. Im Vergleich zum 3. Quartal 2005 haben die meisten der größeren Printmagazine um die 15-20% ihrer Leser verloren, die Bravo Screenfun sogar beinahe 50%. Unser aller Liebling, die Gamestar, ist auf eine Auflage von knapp unter 250.000 gerutscht. Das waren mal über 100.000 mehr!

Wir sind hier wahrlich keine Experten, was den Print-Markt angeht, aber wir fragen uns trotzdem, wo die ganzen Leute hin sind. Hier ein paar Erklärungsversuche. Wahrscheinlich sind ein paar von ihnen totaler Stuss. Vielleicht sogar alle! Betrachtet sie bitte als die Wiedergabe meiner subjektiven Eindrücke. Wie immer freuen wir uns, wenn sich jemand “aus dem Biz” in den Kommentaren zu Wort meldet und ein bisschen Licht ins Dunkel bringt.

Vermutung 1: in den Zeitschriften steht nur Schrott. Tut mir leid, Fabian und Heiko und Knut und Gunnar und Petra und Dirk und Rüdiger; ihr seid alle super, ich hör’ euch gerne beim Singen zu und so, bitte bestraft mich nicht mit Liebesentzug. Ich sage ja auch gar nicht, dass ihr nicht schreiben könnt. Das könnt ihr. Sehr gut sogar! Nein, ich frage mich lediglich, ob die Welt tatsächlich mehrseitige, oft floskeldurchsetzte Tests zu Titeln braucht, über die der gemeine Internetuser eh schon alles weiß, bevor er auch nur einen Blick in eure Magazine geworfen hat. Mal von euren immer bizarrer werdenden Wertungskästen, den inzwischen wirklich komplett unlustigen Videobeiträgen und den total überflüssigen Demo-DVDs ganz zu schweigen. Hey! Eure beigelegten Vollversionen sind ab und zu ganz nett. Aber das wisst ihr ja selbst.

Vermutung 2: die Kids von heute haben besseres zu tun, als “Spielefachmagazine” zu kaufen. Hey, liebe Print-Macher, wart ihr in den letzten zwei, drei Jahren mal draußen? Wenigstens auf der Games Convention? Da hattet ihr doch alle Stände. Habt ihr nicht die Besucher beobachtet? Dann wäre euch sicher aufgefallen, dass der typische Spieler von heute komplett anders drauf ist als, sagen wir mal, ich vor ca. 15 Jahren. Was habe ich mich damals auf Spielezeitschriften u.Ä. gestürzt! War ja auch die einzige greifbare Informationsquelle. Ich war so ein richtiger Zockernerd, inklusive blasser Haut und dicker Brille. Spielezeitschriften haben zu mir gepasst wie Preißelbeeren zu Käsebrot. (*) Für die typischen interessierten Kids von heute sind Spiele nur ein Hobby unter vielen. Die meisten von ihnen interessieren sich mindestens genau so, wenn nicht sogar noch mehr, für Musik, Sport, Ausgehen, das andere Geschlecht. Manche lesen sogar Bücher oder gehen ins Theater. Spiele sind einfach derart mainstream geworden, dass man sich nicht mehr für sie zu schämen braucht. Zeitschriften, deren Covers von großbusigen Computerbabes oder grimmigen Axtkriegern verziert werden und die das neuste Fantasy-Rollenspiel analysieren, als wäre es ein portabler Nuklearreaktor, passen da einfach nicht rein.

Vermutung 3, “der Klassiker”: der Online-Markt klaut die Leute weg. Mir ist bewusst, dass dieser Punkt unter den Printlern heftig diskutiert wird. Ich kann mich lediglich darauf berufen, was ich bei mir selbst und bei meinen Bekannten beobachten konnte, und was eigentlich auch ganz logisch erscheint: online ist man einfach wesentlich zügiger informiert als per Print. An dieser Stelle verteidigen sich Print-Leute gerne mit der sicherlich nicht komplett falschen Behauptung, bei den gedruckten Magazinen würde die Qualität viel eher stimmen als bei Online-Sites. Aber hey, meint ihr, den gemeinen Spieleinteressierten kümmert das? Mal ganz ehrlich: die Artikel bei den meisten Online-Magazinen sind nicht gut. Trotzdem schaffen sie es in der Regel, die für den Leser wichtige Information zu transportieren. Das ist in manchen Fällen die Bewertung der Spiele. Oft aber auch etwas anderes. Was mich zum nächsten Punkt bringt:

Vermutung 4: die meisten Leute interessieren sich nicht wirklich für Spieletests. “Woah”, höre ich euch stöhnen, “was hat er nur geraucht, der Hendrik?” Nun, mal ehrlich: bei den meisten Spielen bildet man sich doch schon vor dem Release ein Urteil. Das kann natürlich an gelungenem Hype liegen. Aber auch daran, dass man einfach Fan einer Serie ist. Oder sich von einem bestimmten Spiel aus sonstwas für Gründen besonders angesprochen fühlt. (**) Und wenn dann ein Magazin diesem Spiel eine besonders miese Wertung gibt, ist halt das Magazin scheiße. Beispiel gefällig? Der mutige 4players.de-Test von Gothic 3 wird gerade im halben deutschsprachigen Intarweb mit purem Hass quittiert. Dabei ist er gar nicht mal so mutig, denn trotz des vernichtenden Fazits (“Das, was ihr morgen in der Box kauft, ist schlichtweg unfertig und leider in vielen Bereichen demotivierend, wenn man nicht beide Augen in blinder Ignoranz zudrückt”) gab es immerhin noch 68%.

Zusammenfassend drängt sich mir also der Verdacht auf, dass Spielezeitschriften fast nur noch von Leuten gekauft werden, die sich nicht (oder zumindest nicht regelmäßig) über das Internet informieren, sich generell nicht so sehr für Computer- und Videospiele interessieren und/oder Spiele tatsächlich für so komplexe Gebilde wie portable Nuklearreaktoren halten. Zum Beispiel Eltern. Oder hoffnungslose Romantiker wie ich, die darauf hoffen, dass auf einmal alles wieder so wird wie früher. Ach, so ein Quatsch. Ich bin einfach zu faul, mein Abo zu kündigen.

Aber was weiß ich schon.

(*) Preißelbeeren auf Käsebrot sind fucking fantastisch. Probiert’s mal aus.

(**) Oder man ist wie Richard und kauft Gothic 3, obwohl ihn alle davor gewarnt haben. Sogar er selbst. Haha, Sucker.

122 Kommentare Autor: Hendrik
Tags: ,
Studiendesign könnte besser sein

Objection2.jpg

Vorhin bei Heise online gelesen: Niedersachsens Innenministerium will den Jugendschutz verbessern. Was in soweit erstaunlich ist, da das Bundesjugendministerium die bestehende Regelung erst vor kurzem für vollkommen ausreichend befunden hat. Aber nein, Innenminister Schünemann (müßig zu erwähnen, dass er auf der Gehaltsliste der CDU steht) sieht Handlungsbedarf, und arbeitet zusammen mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen an Verbesserungsvorschlägen.

Dagegen gibt es zunächst mal überhaupt nichts einzuwenden, schliesslich gehört der Schutz der Jugend irgendwie auch in Schünemanns Aufgabengebiet. Problematisch ist nur, dass er schon im Vorfeld zu verstehen gegeben hat, was er unter Verbesserung versteht. Laut Heise gehört der Innenminister zum christdemokratischen Herstellungs- und Vertriebsverbot Lager, und kann sich mit der Haltung der Bundesregierung so garnicht anfreunden. Was liegt da näher, als sich mit anerkannten Experten für Jugendgewalt zusammenzutun? Leider ist auch der Direktor des KfN, Prof. Christian Pfeiffer, für informierte Videospieler kein unbeschriebenes Blatt. Wieder und wieder und wieder hat sich Herr Pfeiffer öffentlich als Kritiker von gewalttätigen Spielen hervorgetan, so dass die Frage erlaubt sei: was bitte soll bei der Schünemann-Studie herauskommen? Was, wenn die KfN-Forscher zu dem Schluss kommen, dass derzeit alles in Ordnung ist? Werden die Ergebnisse dann unter den Teppich gekehrt, wie es zum Beispiel die Tabakindustrie macht? Mal ehrlich, wenn Schünemann und Pfeiffer über Videospiele plauschen ist das wahrscheinlich in etwa so wie die angeregte Diskussion von Bush und Crichton zum Thema Klimawandel.

Bleibt zu hoffen, dass auch dieser “populistische Schnellschütze” vom Bundesjugendministerium abgewatscht wird. Übrigens, die nächste Landtagswahl findet in Niedersachsen im Frühjahr 2008 statt. Ich gehe jede Wette ein, dass pünktlich zum Wahlkampf ein paar opportune Ergebnisse vorliegen.

28 Kommentare Autor: Stefan
Tags: , , , ,
“Alle populistischen Schnellschützen müssen beschämt sein”

Objection.jpg

Erfreuliches gibt es heute bei heise online zu lesen. Das Bundesjugendministerium hält die bestehenden Regelungen zum Jugendmedienschutz offenbar für ausreichend und entzieht den Stammtisch-Tieffliegern, die sich vor allem aus dem Unionslager rekrutieren, damit fürs Erste die Lufthoheit. Die fordern schon seit Jahren ein Verbot von “Killerspielen”, was immer das auch sein mag, und haben sich diese Klausel auch im schwarz-roten Koalitionsvertrag festschreiben lassen. Dabei leuchtet mir ja durchaus ein, dass man der derzeitigen Gewaltfixierung der Branche notfalls auch gesetzlich einen Riegel vorschieben sollte, aber bei jeder Gelegenheit gleich nach Verboten schreien zu müssen finde ich – gelinde gesagt – ziemlich albern. Besonders wenn man die beliebte Politiker-Technik des “Pudding an die Wand nagelns” verwendet und sich nur ja nicht auf irgendwas festlegt.

Worum geht es denn nun genau? Laut heise hat die FDP eine kleine Anfrage zum Thema Jugendschutz an die Bundesregierung gestellt und bekam als Antwort zu hören, dass im Moment alles paletti sei. Die Kooperation von Kontrollorganen und Wirtschaft funktioniert prima, und ohnehin sei nur ein verschwindend geringer Teil der getesteten Videospiele übermässig gewalttätig. Kein Bedarf also für schärfere Gesetze. Und oh Wunder, es scheint tatsächlich zu funktionieren! Man sehe sich nur mal den aktuellen Fall Dead Rising an. Capcom hat das Spiel bei der USK zur Prüfung vorgelegt, die USK hat eine Kennzeichnung verweigert, und als Konsequenz haben Capcom und Microsoft beschlossen, das Spiel nicht in Deutschland zu veröffentlichen (mehr dazu auch hier). Capcom könnte das Spiel also theoretisch hierzulande rausbringen, wenn da nicht Microsofts eigene Jugendschutz-Bemühung und die Gefahr einer Indizierung durch die BPjM dazwischenkämen. Die Verantwortung wird also an den Publisher zurückgereicht, ohne durch irgendeine Form von Zensur einzugreifen, was ich persönlich für eine ziemlich gute Lösung des Problems halte. Klar, es ist kompliziert und für Aussenstehende nur schwer nachzuvollziehen, aber es ist allemal transparenter als die Situation vor der Neuregelung der Jugendschutzgesetze.

Und trotzdem werden sich die Berufspolterer in ein paar Monaten wieder wie die Geier auf das Thema stürzen können, denn natürlich werden sich interessierte Spieler Dead Rising kaufen. Schliesslich haben wir freien Warenverkehr und so ein Zombiemetzelspiel aus der Schweiz oder England unterscheidet sich naturgemäss nur wenig vom deutschen Pendant. Ich bin mal gespannt wie lange Frontal 21 braucht, um über Leichenteile und die unorthodoxe Verwendung von Powerdrills zu berichten. Was machen wir dann? Grenzen zu? Computer verbieten? So abwegig ist das nicht, bei der Union denkt man immerhin schon über die Einführung “geeigneter technischer Maßnahmen” nach, um Jugendliche von Onlinespielen fernzuhalten.

Richtiggehend drollig finde ich dagegen die Forderung des niedersächsischen Kultusministers Bernd Busemann, die “Herstellung und den Vertrieb solcher Spiele in Deutschland” zu verbieten. Einfach mal rumgestänkert, auch wenn es keinen Sinn macht. Trotz meines eher geringen Verständnisses für rechtliche Zusammenhänge sehe ich darin einen so tiefen Eingriff in die unternehmerische Freiheit, dass der Gesetzgeber sicher gerne mal ein ernstes Wort mit Herrn Busemann wechseln möchte. Und überhaupt, ein Herstellungsverbot für gewalttätige Spiele in Deutschland würde im Jahr etwa 0,7 Titel betreffen, während id Software fleissig weiter an Kettensägenmassaker XXV: Return of the Kettensägenmassaker schraubt. Aber Hauptsache von Richtung des Stammtisches gibt es erstmal zustimmendes Nicken, und er hat seinen Namen mal in den Medien gelesen.

Um mein Geschwafel nochmal zusammenzufassen: Jugendschutz ist wichtig. Strenge Regelungen zur Kontrolle von Medieninhalten sind gut, immerhin gibt es kein gottgegebenes Recht auf ungefilterten Gewaltkonsum. Industrie und Politik müssen gemeinsam für die Einhaltung dieser Regeln sorgen. Aber! Diese Gesetze gibt es schon. Sie funktionieren. Publisher und Kontrollgremien arbeiten prima zusammen. Die Forderungen nach noch mehr Verboten sind daher reiner Populismus. Schön, dass man es im zuständigen Ministerium genauso sieht.

83 Kommentare Autor: Stefan
Tags: , , ,