
Gestern habe ich etwas getan, was ich schon lange nicht mehr zustande gebracht habe. Ich habe ein Spiel an einem einzigen Tag durchgespielt. Welches?
Gun.
Nun hatte ich ja schon erwähnt, dass ich ein Spiel mit zwei Wummen und einem Totenschädel auf der Packung niemals beim Saturn zur Kasse tragen würde. Nachher treffe ich in der Schlange jemanden den ich kenne. Für Videotheken gilt diese Regelung aber nicht. In einem Laden in dem die Hälfte der Artikel verdächtig klebrig zurückgebracht wird, sind Wummen und Totenschädel irgendwie nicht sonderlich schämenswert. Und da ich mal wieder Lust auf einen Western hatte, habe ich es mir also ausgeliehen.
Natürlich ändert das nichts daran, dass das Spiel ruhig ein ordentliches Cover hätte kriegen können. Eins das tatsächlich nach einem Western aussieht. Stattdessen hat man sich leider für eins entschieden, das 14-jährigen Hauptschülern suggerieren soll, sie seien total männlich wenn sie diese Packung zur Kasse schleppen. Ist natürlich auch eine Option.
Ähnliches gilt übrigens für Namen des Spiels. “Gun”? Was Besseres ist euch nicht eingefallen? Der Name sagt nun wirklich gar nichts über das Spiel aus. Okay, klar, man hat eine Pistole und schießt damit. Aber seien wir mal ehrlich, diese Beschreibung passt zu 73% aller Videospiele.
Ich schweife ab. Zurück zum Spiel. Aus der Tatsache dass ich es an einem Tag durchgespielt habe, kann man nun zwei Dinge schließen. Entweder ist sehr kurz. Oder ist es ist sehr gut.
Da ich es nicht zu spannend machen will: Es ist beides.
Zunächst mal zum Thema “kurz”. Ich habe das Spiel so gegen 10 Uhr angefangen und war damit so gegen 2 Uhr nachts fertig. (Hui, was habe ich geflucht als heute Morgen um 7 Uhr der Wecker geklingelt hat. Aber das nur nebenbei.) Ich habe das Spiel nicht nur durchgespielt, sondern auch alle optionalen Missionen gemacht und fast alles Gold gefunden. Trotzdem habe ich noch Zeit gehabt zu lernen, Kekse zu backen und zwei herzhafte Mahlzeiten zu mir zu nehmen. Wie gesagt, es ist nicht sonderlich lang. Insofern war die Videothek nicht nur aus Gründen des Selbstwertgefühls sicher die richtige Entscheidung.
Kommen wir jetzt zu “gut”. Ehrlich gesagt hatte ich für das Spiel wenig Hoffnung. Die Pressemitteilung zur Veröffentlichung teilte mir nämlich mit, dass es von Neversoft und dem Drehbuchautor Randall Jahnson sei. Neversoft ist verantwortlich für die Tony Hawk’s Reihe, die vor ein paar Spielen mal ziemlich gut war, inzwischen aber hoffnungslos degeneriert ist, und…sonst nichts. Jawohl, die Herren haben eigentlich noch nichts gemacht, in dem man nicht Skateboard fahren musste. Und Herr Jahnson hat angeblich “The Mask of Zorro” geschrieben. Wer sich aber ein bisschen mit dem vertrackten Creditsystem Hollywoods auskennt, der weiß dass er zwar ein Drehbuch für den Film geschrieben hat, aber der weiß auch dass es nicht verwendet wurde. Wirklich geschrieben haben den Film Ted Elliott und Terry Rossio, die auch für die Piraten der Karibik verantwortlich zeichnen. Und wie bei Neversoft war es das dann auch eigentlich schon wieder. Viel hat der Herr noch nicht ins Kino bekommen.
Also nicht die beste Ausgangssituation. Vor allem wenn man bedenkt, dass “Outlaws” der letzte gute Videospiel-Western war. Der letzte? Eher der einzige.
Nicht mehr. Denn Gun ist gut. Ich glaube der Hauptgrund dafür ist das Pferd. Die Steuerung des Gauls ist nämlich einfach perfekt. Die Geschwindigkeit stimmt, es legt sich cool in die Kurve, wenn man in vollem Galopp durch enge Canyons rast, es wirbelt massiv Staub auf wenn man über die Prärie peitscht und vom lässigen Trott in der Stadt bis zum Trampelangriff auf Wegelagerer ist einfach alles perfekt umgesetzt. Es fühlt sich einfach “richtig” an.
Die eigentlichen Pistolengefechte, inklusive der unausweichlichen Bullettime (hier “Quickdraw” genannt) sind eher von durchschnittlicher Qualität, werden aber ebenfalls vom Pferd massiv aufgewertet. Wer mal einen Powerslide durch einen Haufen von Banditen gemacht, der wird verstehen was ich meine.
Die Hauptmissionen welche die Geschichte vorantreiben sind außerdem meist sehr gut umgesetzte Setpieces. Vom Überfall auf einen Flussdampfer, über den unausweichlichen Zugraub bis hin zum Sturm auf ein Fort ist alles dabei was das Herz begehrt. Und auch Herr Jahnson blamiert sich nicht, denn Geschichte kann durchaus überzeugen, zumal die Zwischensequenzen sehr ordentlich inszeniert sind und das Spiel perfekt besetzt ist. Dabei verschwinden die Schauspieler wirklich in ihren Rollen. Man hat hier nie das Gefühl, es wäre das inzwischen doch recht beliebte Stuntcasting betrieben worden und die Darsteller hätten mal eben in der Mittagspause lustlos ein paar Zeilen ins Mikro gesprochen, um schnell Geld zu machen.
Sehr gelungen ist auch die allgemeine Atmosphäre des Spiels. Die Spielwelt setzt nahezu jeden Look des Wilden Westen um, den man sich denken kann. Von den schneebedeckten Bergen und weiten grünen Ebenen, wie man sie in “Open Range” oder “Spirit” gesehen hat, bis hin zu den staubtrockenen Wüsten aus diversen Italo-Western kriegt man alles zu sehen, was das Herz begehrt. Einziger Nachteil: Die Welt ist nicht so groß, wie man sie sich manchmal wünscht. Das führt auch dazu, dass grüne Ebene und staubtrockene Wüste ein bisschen zu nah aneinander legen um noch wirklich realistisch zu wirken.
Es gibt auch noch andere Probleme. Zum Beispiel ist die eigentlich ganz gelungene Musik viel zu leise gemischt. Was mich jedoch vor allem stört ist der unnötig hohe Gewaltfaktor. In den Zwischensequenzen irritiert es mich nicht so sehr, weil es von der Geschichte motiviert ist. Aber warum muss im eigentlichen Spiel immer so verdammt viel Blut spritzen? Das wirkt wenig realistisch und zerstört eher Atmosphäre, als dass es welche aufbaut. Und endgültig zu weit geht das Spiel dann mit dem Skalpmesser. Das kann man kaufen und es erfüllt nur einen Zweck. Nämlich seinen noch nicht ganz toten Gegnern unter massivem (wenn auch etwas lächerlich wirkendem) Blutverlust die Kopfhaut abzuschneiden. Das führt meistens auch noch zu ziemlich fiesem Geschrei dieser Leute. Das Ganze hat spielerisch absolut keinen Sinn und wurde anscheinend nur eingebaut, damit das Spiel mehr Blut hat. Geschmacklos, unnötig und äußerst bedauerlich.
Immerhin ist es völlig optional. Mein Tipp also, spart euch die 25$ für das Messer und kauft euch lieber etwas, das euer Pferd schneller macht. Damit könnt ihr dann nämlich die coolen und meist völlig gewaltfreien Seitenmissionen für den Pony Express und den Rancher machen. Beim Pony Express kriegt ihr die Chance euer Pferd mal richtig auszureiten und mit irrwitziger Geschwindigkeit durch Devil’s Canyon zu fetzen, während die Pfeile der Apachen an eurem Kopf vorbei sausen. Und für den Rancher treibt ihr zum Beispiel bei Sonnenuntergang die Herde in Richtung Dodge City.
Das hat schon was von Marlboro Country. Nur ohne den Lungenkrebs.