
Ich habe ein Problem mit Retrogaming.
“Wie kommt das denn?” und “Brauchst du einen guten Therapeuten?”, werden sicher einige der ersten Reaktionen sein, schließlich habe nicht ich – ein älterer Herr in der unbeliebteren Hälfte der 30s – selbst Jahre und Monate vor dem ollen Atari und dem knuffigen 64er verbracht und habe ich nicht auch tausend Tode gestorben, ohne je über das dritte Level von Ghosts ‘n Goblins hinauszukommen?
Stimmt alles.
Mein Problem liegt darin, dass öfters behauptet wird, dass die damaligen Spiele besser waren. Das man damals weniger Wert auf Technik und Blendkram wie bombastische Grafik und symphonischen Sound legte, sondern auf das ausgefeilte Gameplay und lange Spielzeiten.
Damals war die Technik absolut genauso wie heute ein echtes Verkaufsargument – und Schulhoflegenden wie das nicht ganz leichte Uridium waren sogar eher für ihre saubere Technik als für ihr ausgefeiltes Gameplay bekannt. Damals jedenfalls. Auch Klassiker Elite war zuerst als eines der ersten Vektorgrafikspiele und für die fast vollständige Handlungsfreiheit bekannt und deutlich weniger für die gute Spielbarkeit. Das Teil wurde nach einer Weile reichlich dröge.
Apropos nicht ganz leicht: Viele “Retro-Games” sind sauschwer. Kaum jemand hat damals regelmäßig Spiele durchgespielt – gerade Actionspiele haben sich an Arcadeautomaten orientiert, die am liebsten das gesamte Kleingeld aller anwesenden Kids haben wollten, im Idealfall ohne jemals durchgezockt zu werden. Folgerichtig war das Gameplay der höheren Levels selten anders als zu Beginn – kaum jemand würde so weit kommen, dafür machte man es richtig schwer, oft grenzwertig zu “unspielbar”. Besser gesagt: Sowas wie richtig ausgefeiltes Gameplay von Anfang bis Ende gab es selten, damals wurden Games in erster Linie über die Screenshots auf der Packung und in Spielzeitschriften verkauft. Genau so spielen sich dann auch viele Sachen aus der 8bit/16bit Ära.
Grafikpomp sorgt heute natürlich immer noch für Aufsehen, aber Neuigkeiten verbreiten sich viel schneller. Es gab keine spielbaren Demos. Es gab keine Onlinecommunity, über die sich die Szene gegenseitig vor Gurken warnte. Das ist heute alles besser.
Es gab auch damals einen Technikwettlauf – auch wenn die sich langsam entwickelnde Hardware besser ausgenutzt werden musste und nicht alle zwei Jahre ein neuer Computer ins Haus kam: Geblendet wurde auch damals und dabei wurde eben jedes irgend mögliche Fitzelchen Bling aus der Hardware gekitzelt. Das war beeindruckend, machte die Spiele aber nicht automatisch besser. Nur wenige waren so originell wie etwa Paradroid. Originell hat sich auch nur selten gut verkauft.
Die ganze Retrosache klingt für mich wie die wehmütigen Sprüche der Leute, die von der jeweils ach so tollen Musik aus ihrer Jugend schwärmen – es gibt ja schließlich heute gar keine richtige Musik mehr, oder? Nichts… handgemachtes mehr, richtig?
Ne, finde ich nicht. Ganz und gar nicht.
Darum können mich auch Remakes alte Spiele nur selten begeistern, egal wie nah sie dem Original auch kommen mögen. Die sind nicht selten mit viel, viel Liebe gemacht und oft sogar kostenlos. Aber ich bin eben nicht mehr der unglaublich frustresistente 11jährige Junge, der nächtelang vor Ultima V saß und versuchte, irgendwie sowohl dem elizabethanischen Englisch als auch den schier unfassbaren Ladezeiten der acht (!) Diskettenseiten gerecht zu werden, die während des Spiels gewechselt werden wollten. Niemals würde ich das noch mal auf mich nehmen. Es war eine der großartigsten Erinnerungen, die ich an ein Spiel hatte und all das gehörte untrennbar zusammen.
Aber es ist auch für immer vorbei.
Bild von Hecklerspray








